22.01.17: HENNING SCHMIDTKE

Da blieb das Lachen schon mal im Hals stecken

Kabarettist Henning Schmidtke gab in Ringen den „Hetzkasper“

Der Grafschafter Verein Kulturlant verkündete am Samstag, in der kommenden Saison 2017/18 weniger auf Comedy, dafür mehr auf Kabarett zu setzen. „Es darf weiterhin gelacht werden, aber erst nach dem Nachdenken“, so Geschäftsführer Thomas Weber zum Publikum im Ringener Bürgerhaus. Dort erlebten rund 180 Gäste einen Vorgeschmack auf die neue Ausrichtung, und zwar in Person von Henning Schmidtke. Der Niedersachse präsentierte sein aktuelles Programm „Hetzkasper“ mit dem vielsagenden Untertitel „Zu blöd für Burnout.“ Es sollte ein recht entschleunigter Abend für die Besucher werden, und das spätestens, als Schmidtke nach gut einer halben Stunde verkündete, gar nichts mehr zu machen. Zen-Buddhismus sozusagen. „Das habe ich einmal 14 Minuten lang praktiziert, es war eine tolle Erfahrung“, so der Kabarettist. Die Rheinländer in Ringen ließen ihn nicht so lange schweigen und mit sich spielen. Nicht nur bei dieser Einlage gelang das dem 46-jährigen aber. Schon zum Auftakt führte er die Gäste aufs Glatteis, brachte sie zum Mitsingen des Refrains „Wir ziehen alle an einem Strang“, und führte dann fort: „und am anderen Ende hängt einer dran.“ Moral: nicht gleich auf alles einlassen, sondern prüfen. Das Publikum war vorgewarnt.

Schmidtke präsentierte Beispiele, wie war es und wie ist es in der heutigen Welt. Warum muss zum Beispiel Musik bewertet, müssen Sängerinnen und Sänger gecastet werden und damit gegeneinander antreten. Was ist gut, was schlecht? Wer kann das entscheiden? „Heute singen alle und irgend eine Hackfresse muss dann jedes Lied kommentieren“, echauffierte sich Schmidtke. In den heutigen Casting Shows würden ein Marius Müller-Westernhaben, ein Udo Lindenberg oder ein Herbert Grönemeyer in der ersten Runde rausfliegen. Alles ist gleich geworden. Aber Kunst sei nun Mal nicht in Leistung messbar.

Und dennoch müsse alles immer schneller, besser, größer werden. Auch die Kunst. Die Leistungsträger der Gesellschaft sind nicht die, die sich abrackern, sondern die mit Geld. Und die Technik nimmt der Menschheit heute alles ab, auch das Töten. Schmidtke machte es in seinem beklemmenden Lied über Drohnen fest. Da verstummte das Lachen. „Muss aber auch mal sein“, machte der Künstler deutlich, ehe er den Dalai Lama zitierte, die Schlüsselqualifikation für heutige Präsidenten mit Blick über den Atlantik als „Choleriker sein“ definierte, über die Ticks von Frauen, alles einfrieren zu müssen (auch eigene Eizellen für die Rollatorgeburt mit 78 Jahren) sinnierte und über die „Arbeit als Droge“ sprach. Tatsächlich gebe es eine Website für anonyme Arbeitssüchtige.

Und noch ein Thema für jeden Kabarettisten: Flüchtlinge. Natürlich nicht die „guten“ Flüchtlinge aus Kriegsländern, sondern die „bösen“ Wirtschaftsflüchtlinge, die eigentlich auch nur ein besseres Leben haben wollen. Wer ist das? Der Schwarze aus Nigeria ja, der Schwabe am Prenzlauer Berg nicht.

Fast drei Stunden lang fesselte Henning Schmidtke das Publikum in Ringen, sorgte für Lacher und ließ so manch einem einen Klos im Hals bekommen. Am Ende gab es lang anhaltenden Applaus und selbst für eine Zugabe war es noch nicht zu spät.

Veranstaltungsankündigung

Noch nie hatten Menschen so viel Zeit wie heute, und doch hetzen wir durch’s ganze Leben. Wir hetzen zur Arbeit, zum Sport, zum Yoga. Unser Wappentier ist kein Adler, sondern der frühe Vogel, der den Wurm fängt, Symbol der freiwilligen Volks-Verhetzung. Oft rennt uns die Zeit davon. “Soll sie doch”, sagt Henning Schmidtke, “lassen wir ihr ruhig mal einen Vorsprung. Die wird sich noch umgucken”.

Der Klaviervirtuose präsentiert ein entschleunigtes Kabarett-Programm über den Stoff, aus dem das Leben ist: die Zeit. Mysteriös und doch alltäglich. Immer gerecht verteilt, denn jeder hat genau gleich viel davon: 24 Stunden täglich. Der Gott der Zeit ist Kommunist! Andererseits: Zeit ist relativ (soweit Einsteins Theorie). Und Zeit ist kostbar und manchmal so knapp wie ein Tanga (soweit eine beliebte String-Theorie).

Aber sind wir noch im richtigen Film, wenn wir Zeit investieren, gewinnen, sparen wollen? Wer bei dem Tempo nicht mithalten kann und in der Klinik endet, hat wenigstens noch einen intelligenten Körper, der den Irrwitz des Lebens durchschaut hat. Die anderen machen weiter und werden zum Hetzkasper – zu blöd für Burnout.

Henning Schmidtke macht sich lustig über den Hetzkasper in uns allen. Und erkundet in seinen Liedern auch die Geheimnisse der Zeit, die Vergänglichkeit unseres Daseins und das Gefühl von Ewigkeit (keine Angst, so lange dauert das nicht). Dafür hat er für sich einen ganz eigenen Stil ausdrucksstarker komplexer Musik gefunden, der eher jazzigen und klassischen Kompositionen ähnelt als der traditionellen Kabarett-Musik. Dieses Programm ist zeitlos schön und Uhr-komisch. 100 Freuminuten inklusive. (Die Lektüre dieses Textes kostete ca. 1 Minute Ihrer Lebenszeit.)