24.02.2024: PADDY GOES TO HOLYHEAD

„Heute kommen die Kinder der Fans von früher“

Seit 35 Jahren bringt der Musiker Paddy Schmidt keltisch geprägte Töne auf deutsche Bühne

Paddy Schmidt, der mit bürgerlichen Namen eigentlich Harald Kligge heißt, ist wohl der bekannteste und erfolgreichster Vertreter keltischer Musik mit deutschen Wurzeln. Mit seiner Band „Paddy Goes to Holyhead“ war er am Samstagabend im gut besetzten Lantershofener Winzerverein zu Gast. Im Nachhinein blickte er auf mehr als drei Jahrzehnte voller Folk-Musik zurück.

Knapp zweieinhalb Stunden lang standen Paddy, Geigerin Almut Ritter, Schlagwerker Günter Bozem und Ersatzbassist Jens Dörr, der für den erkrankten Uwe „Uhu“ Bender kurzfristig einsprang, auf der Lantershofener Bühne, dann mussten die vier in der kleinen Garderobe des Winzervereins erst einmal durchatmen.

Zum zweiten Mal war der Mann mit seiner Band in den Grafschafter Ort gekommen, noch gut erinnert er sich an den Auftritt aus dem Jahr 2018 und an das Publikum. „Wir wussten, dass uns heute wieder tolle Menschen feiern werden“, war die Erwartungshaltung schon vor dem Gig klar gewesen. Sie kommen gerne ins Rheinland, betonte Schmidt. „Die Gegend hier ist super für uns, egal ob in Lantershofen oder in Euskirchen oder Bonn, wo wir demnächst wieder spielen werden. Hier sind die Leute begeisterungsfähig.“ Auf dem Tisch liegt noch ein Bild von einem Paddy-Konzert in Dümpelfeld, dass eine Besucherin kurz vor der Show in der Garderobe abgegeben hatte. In anderen Gegenden, vor allem in Bayern, kommt die Folk-Musik der Paddys dagegen gar nicht an.

Schmidt freute sich aber auch auf den Auftritt in Lantershofen, weil der kleine Saal genau seinen Erwartungen entspricht. „Wir lieben es, auf Kleinkunstbühnen zu spielen.“ Die Band bedauert es, dass immer mehr solcher Bühnen ihren Betrieb einstellen. Vor der Corona-Pandemie hatte es in Deutschland noch 1.500 kleine Theater mit einem Fassungsvermögen von maximal 500 Gästen gegeben. „Hierhin kommen die Menschen wegen unserer Musik, sie hören uns zu und haben Lust darauf“, weiß Paddy, der in den dreieinhalb Jahrzehnten auch schon anderes erlebt hat. So war er jahrelang solo unterwegs und spielte in den Pubs landauf, landab. Aber da war Paddy eher der Hintergrund-Musiker. Noch bis Ende der 1990er Jahre war „Folk-Rock“ das Credo der Paddys gewesen, nun ist es eher ruhiger von der Bühne herab. Die Band kommt den Wurzeln der keltischen Musik wieder nahe. Heute steht akustische keltische Musik auf dem Spielplan. „Musik ohne ein großartiges Schlagzeug oder ein Keyboard. Wir spielen viel mit Naturinstrumenten, wie der akustischen Gitarre. Theoretisch könnte Jens auf einen Kontrabass statt E-Bass spielen, das Schlagzeug wird durch ein Schlagwerk ersetzt. Dies Auswahl der Musikinstrumente passe einfach besser zur vorgetragenen Art der Musik.

Den Menschen vor der Bühne gefällt es. Paddy Goes to Holyhead kann auf eine große Fangemeinde schauen. An der änderte sich in den 35 Jahren nicht allzu viel. Nur kommen heute oftmals die Kinder der Musikfans, die das Ensemble in den Anfangsjahren besuchten. „Und die bringen wiederum ihre Kinder mit“, hatte der Sänger schon mehrfach festgestellt. Das Interesse vererbt sich über Generationen. Was Paddy aber auch feststellte: „Tatsächlich besuchen wieder Menschen unsere Konzerte, die seit 20 Jahren nicht mehr da waren. Den Grund hierfür sieht Paddy Schmidt in der nach der Corona-Pandemie wieder erwachten Lust auf Konzertbesuche bei den Menschen in Deutschland. Aktuell finden viele der rund 180 jährlichen Auftritt von Schmidt im Großraum um seinen Heimatort statt. Wo er früher noch 80.000 Kilometer im Jahr gereist sei, seien es heute noch 50.000. „Damals sind wir auch schon Mal für ein einziges Konzert bis Hamburg gefahren“, sagt er. Heute können die Musiker effektiver planen.

Wie oft Paddy schon auf der Bühne stand, weiß er nicht. „Bei 6.000 Konzerten hab ich aufgehört zu zählen. Das ist lange her, aber darum geht es auch gar nicht“, sagt er. Vielmehr gehe es um die Folkmusik. In Lantershofen hatte die Band eine Vielzahl der großen Hits aus eigener Feder von Paddy Schmidt dabei. Songs wie „Bound around“, „Johnny Went To The War“, „Here‘s to the people“, „Lovesong No. 90“ oder das obligatorische Schlusslied „A last song“ offenbarten dabei ihr großes Mitsingpotential und zeigten, dass auch Lantershofen überwiegend eingefleischte Paddy-Fans zugegen waren.

Veranstaltungsankündigung

Und eines Tages fiel ein Sonnenstrahl ins Meer und tauchte ein kleines Land mit smaragdgrünen Wiesen in ein trübes und nebliges Licht. Und weil es sowieso immer dort regnete, beschlossen die Bewohner, dass ihre Musik strahlend hell und fröhlich aber höchstens mal traurig und melancholisch sein durfte. Jedoch niemals trübe und neblig. Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von den Menschen aus nah und fern Besitz ergriff, es solle nur Musik gespielt werden, welche den Menschen von oben herab diktiert wurde. In New York, Rio, Tokio und auch in Frankfurt und Buxtehude. Und in Darmstadt. Ganz Darmstadt? Nein, ein von unbeugsamen Musikern besetzter VW-Bus hört nicht auf, dem Mainstream Widerstand zu leisten und dem Motor Schmierstoff zu liefern. Seit mehr als 30 Jahren beschallt PADDY GOES TO HOLYHEAD die Bühnen in Deutschland, ja in ganz Europa. Von der Pike auf gelernt haben die Paddies, wie sie liebevoll von ihren Fans genannt werden. Sie wissen, was es heißt, die Konzertplakate im Schutze der Nacht selbst zu kleben und unermüdlich die Werbetrommel zu rühren für die unzähligen Gigs, die sie mittlerweile gespielt haben.

Viele Lieder wurden eigenhändig komponiert, getextet und vertont. Einige sind mittlerweile selbst zu Klassikern geworden und werden auch von anderen Musikern gecovert: Far Away, Here’s To The People, The Titanic, Doolin, A Last Song – die Liste der Lieder ist genauso lang wie die Aufzählung der bekannten Bands, mit denen PADDY GOES TO HOLYHEAD sich schon die Bühne teilte: The Hooters, BAP, Jethro Tull, Deep Purple, PUR und sogar vor den legendären Beach Boys hat diese Formation musiziert. Als das Album „Ready For Paddy“ in die deutschen Musikcharts einzog, wurde die Musikindustrie aufmerksam. Der Ohrwurm „Bound Around“ hielt sich in den Single-Charts, gefolgt von „Johnny Went To War“, dem Titel, der sich 54 Wochen in den Top Ten der Hitparade eines süddeutschen Radiosenders behauptete. Andere Alben der Paddies folgten dem Beispiel.

Trotzdem stand das Urteil der Musikoligarchen fest: Formatuntaugliche Spartenmusik. Und die Band ist auch noch stolz darauf! Mit Geige, Gitarre, Harmonika und Bass verzaubert das Trio allabendlich die Konzertgäste und schickte sie mit ihren Liedern und Klängen auf eine Reise zu den grünen Hügeln und Mooren Irlands, zu den grauen Arbeitervorstädten Belfasts und in die lebendigen und überschäumenden Pubs Dublins. Oder zurück nach Darmstadt. Ist ja auch egal: Musik ist die gemeinsame Sprache der Menschheit. Nach vielen Jahrzehnten etabliert sich bei PADDY GOES TO HOLYHEAD ein Mix aus Eigenkompositionen, geliebten keltischen Folksongs und traditionellen Weisen. Dem Publikum gefällt es. Da wird bei mitreißenden Trinkliedern fröhlich mitgeklatscht. Oder es wird bei melancholischen Liedern von Liebe und Leid derart andächtig zugehört, dass man die sprichwörtliche Stecknadel tatsächlich fallen hört.

Line up:
Paddy Schmidt: Gesang, Gitarre, Mundharmonikas
Almut Ritter: Fiddle, Concertina
Uhu Bender: Bass, Gesang
Günter Bozem: Percussion

17.02.2024: YOUNG SCOTS TRAD AWARDS WINNER TOUR

Schottischer Folk-Nachwuchs brillierte

Preisträger zum wiederholten Mal in Lantershofen

Im Lantershofener Winzerverein sind die Wiederholungstäter immer wieder andere: seit Jahren gastiert die „Young Scots Trad Awards Winner Tour“ dort einmal jährlich. Auf der Bühne stehen dann aber immer andere Preisträger der aktuellen Nachwuchswettbewerbe traditioneller Folk-Musik. Einen Dudelsackspieler hatten sie in diesem Jahr nicht dabei, dafür begeisterte am vergangenen Samstag im vor ausverkauftem Haus erstmals ein Pianist, nämlich Michael Biggins. Er spielt Akkordeon und Piano und wurde nicht umsonst Sieger beim Wettbewerb „BBC Radio Scotland Young Traditional Musician of the Year.“ Vor allem am Flügel begeisterte der junge Mann und stach aus der brillanten Viererrunde heraus. Es waren erstmals ausschließlich Männer, die Organisatorin Petra Eisenburger mit auf die Tour quer durch Deutschland und angrenzende Staaten mitgebracht hatte.

Dabei gehörte der Gesangspart bislang immer Frauen. Nun war es Jack Badcock, noch dazu ein Singer/Songwriter, dessen Wurzeln in Irland liegen. Badcock war Finalist im BBC-Wettbewerb und überzeugte vor allem bei Balladen mit seiner Stimme. Überhaupt war es ein sehr moderater Abend, nur selten keimte die schottische Ekstase auf der Bühne auf. Dafür war sogar ein Walzer von der Insel zu hören.

Dritter ausgezeichneter Solist war Robbie Greig. Mit seiner Geige gewann er unter anderem den „Niel Gow Scottish Fiddle Award“ und war ebenfalls Finalist bei der BBC. Begleitet wurden die drei Musiker von Toby Shaer an der Gitarre und verschiedenen Whistles. Nach Einzelvorträgen im ersten Konzertteil agierten die vier Musiker nach der Pause als Band und wußten auch hier zu überzeugen. Doch damit nicht genug: mit scheinbar wenig Lust aufs nahe Hotelbett nahmen die Musiker nach dem Konzert im Gastraum des Winzervereins Platz und unterhielten dort die verbliebenen Konzertgäste noch einmal in Konzertlänge.

Veranstaltungsankündigung

Junge Schotten brillieren mit frischem Scottish Folk

Die Young Scots Trad Awards Winner Tour präsentiert vom 14.02. bis 10.03.2024 in vielen Konzerthäusern in Deutschland, Dänemark, Österreich und der Schweiz wieder Preisträger und Finalisten renommierter schottischer Musikwettbewerbe wie zum Beispiel BBC Radio Scotland Young Trad Awards.

Ziel dieser von der BBC organisierten Musikwettbewerbe ist es, junge schottische MusikerInnen zu animieren, schottische Musiktraditionen mit der eigenen musikalischen Virtuosität fortzuführen. Die schottische Musikszene hat bis heute eine reiche, lebendige Tradition, die in den zahlreichen Festivals, regionalen Folkmusik-Clubs und Bildungsinstitutionen am Leben erhalten wird. Bands wie Runrig haben Musik aus Schottland international berühmt gemacht.

Bereits seit 2018 begeistert die alljährlich stattfindende Young Scots Trad Awards Winner Tour mit immer wieder neuen MusikerInnen ein stetig wachsendes Publikum.  2024 werden Michael Biggins (Piano/Akkordeon), Jack Badcock (Gesang, Gitarre) und Robbie Greig (Geige) in Begleitung des Gitarristen und Whistle-Virtuosen Toby Shaer ihr Können zunächst solistisch zeigen,  bevor sie im zweiten Programmteil in verschiedenen Gruppierungen und letztlich alle zusammen mit einem dynamischen und abwechslungsreichen Programm aus traditionellen Melodien und Songs den schottischen Folk-Frühling einläuten und ein musikalisches Feuerwerk versprühen werden.

19.01.2024: MAM

Von A wie „Anna“ bis Z wie „Zehnter Juni“

Die BAP-Coverband „MAM“ begeisterte im ausverkauften Lantershofener Saal

Auf den Tag 30 Jahre nach einem Konzert der Kölsch-Rocker von BAP im Lantershofener Winzerverein erinnerte einer ihrer Tribute-Bands, nämlich die Bonner Formation „MAM“ mit einem Konzert an den damaligen Besuch. Im Januar 1994 hatten sich die Kölner vier Tage lang im kleinen Lantershofen auf ihre anstehende Tour zur Promotion des damaligen neuen Albums „Pik Sibbe“ vorbereitet. Zum abschließenden Konzert hatten sich seinerzeit 600 Gäste im dank riesiger Bühne noch gut zur Hälfte mit Publikum befüllbaren Saal mehr oder weniger auf engstem Raum gedrängelt. So viele Menschen dürfen die Versammlungsstätte längst nicht mehr besuchen, weshalb Veranstalter Kulturlant auch schon vor Wochen „ausverkauft“ melden musste. Die, die jetzt dabei waren, erlebten einen tollen Abend mit vielen BAP-Hits aus den 1980er und 1990er Jahren. MAM spielen in erster Linie die Songs, an denen Gitarrist Klaus „Major“ Heuser mitwirkte, der die immer noch aktive Formation BAP im Jahr 1999 verlassen hatte. Als MAM-Sänger Klaus Drotbohm, dessen siebenköpfiger Formation die Spielfreude im Gesicht abzulesen war, in die große Runde fragte, wer denn schon 1994 beim Konzert dabei war, gingen viele Hände hoch. Manch einer trug sogar noch das T-Shirt, dass seinerzeit für die kleine Aufwärmtour durch Lantershofen und drei andere Spielorte in der Region aufgelegt worden war. Alle aber feierten die vielen Hits von BAP aus deren rockigen Tagen.

Der Blick auf die Titellisten von 1994 und dem jetzigen Konzert zeigte viele Übereinstimmungen. MAM legten sofort los wie die Feuerwehr und machten im Verlauf des Abends auch immer wieder deutlich, wie sehr die Musik ihrer Vorbilder doch politisch motiviert war. „Zehnter Juni“, der Song zu den Bonner Protesten gegen den Nato-Doppelbeschluss, die 1983 mehr als 300.000 Menschen auf die Straßen der damaligen Hauptstadt zog, stand damals wie heute ganz am Anfang der musikalischen Vorträge. Songs, wie „Kristallnaach“ und „Denn mir sinn widder wer“ haben in diesen Tagen der Proteste gegen Rechtsextremismus nichts von ihrer Aktualität eingebüßt, obwohl sie fast 40 Jahre alt sind. Und „Deshalv spell mer he“ ließ 1984 eine BAP-Tour durch die DDR platzen.

MAM ließen aber auch die Frauen hochleben, „Anna“, „Alexandra“ oder aber „Frau ich freu mich.“ Da blieben die Männer, wie der „Müsli-Man“ außen vor. Auch auf „Jupp“ musste das Publikum verzichten, auch wenn es den sozialkritischen Song lautstark forderte. Alles ging nicht, zumal MAM ähnlich wie BAP seinerzeit mehr als drei Stunden von der Bühne herab rockten und alle 26 Songs höchstes Mitsingpotenzial hatten. Den „Wellenreiter“ sang das Publikum dabei ganz alleine, und dass es bei „Verdamp lang her“ so richtig hoch herging, versteht sich von selbst. Ruhige Töne fehlten auch nicht, denn BAP konnten auch Liebeslieder wie „Do kanns zaubere“ oder „Paar Daach fröher.“ Von der Bühne gehen lassen wollten die Fans in Lantershofen MAM nicht, die Folge waren gleich sechs Songs in zwei Zugabeblöcken. Auch das war bei BAP im Jahr 1994 nicht anders gewesen.

Veranstaltungsankündigung

In den 1980er und 1990er Jahren feierten die Kölner Mundart-Rocker von BAP Riesenerfolge in der deutschsprachigen Musikszene und belegten zeitweise Platz eins und zwei in den deutschen Album Charts gleichzeitig. Wenn sie auf ihre Tourneen gingen, zogen sie sich zuvor meist in die Eifel zurück, um sich vorzubereiten und einzuspielen. Als BAP 1994 mit dem Album „Pik Sibbe“ auf Tour ging, probten die Musiker zuvor vier Tage lang im Winzerverein Lantershofen und gaben dabei in der Region Konzerte unter dem falschen Namen „Der 7 ´Ühnchen.“ Zum Abschluss ihrer Vorbereitung erlebten 600 Fans im kleinen Lantershofener Saal die Kölner und schwärmen noch heute davon. Für viele eingefleischte BAP-Fans war es damals die beste Besetzung mit Sänger Wolfgang Niedecken, Klaus „Major“ Heuser (Gitarre), Steve Borg (Bass), Alex „Effendi“ Büchel (Keyboards), Manfred „Schmal“ Boecker (Percussion) und Jürgen Zöller (Drums).

30 Jahr später gibt es – und das auch schon mehr als 15 Jahre – die Coverband MAM, die in allererster Linie von der Stimme ihres Frontmanns Klaus Drotbohm lebt, der den jungen Wolfgang Niedecken beinahe 1:1 kopiert. MAM spielen die Hits von BAP aus der „Major-Ära“ und gehören zu den angesagtesten Cover-Band im Rheinland. Die bis zu dreieinhalb Stunden dauernde BAP-Tribute-Show lässt mit den großen Hits dieser Zeit (u.a. Frau ich freu mich, Do kanns zaubere, Kristallnaach, Verdamp lang her) das BAP-Feeling der Durchbruchzeit wieder aufleben und garantiert einen mitreißenden Kölschrock-Abend. Das für viele BAP legendären „Ühnchen-Konzert“ von Lantershofen jährt sich am Freitag, 19. Januar, zum 30. Mal und wird mit einem Konzert von MAM würdig gefeiert.

06.01.2024: JAZZ OHNE STRESS VOL. 19

Jazzmusik von Welt in der Grafschaft

Mit dem John Goldsby Trio war ein Teil der WDR Bigband bei „Jazz ohne Stress“

Jazz ohne Stress kündigt sich mit einer 19. Ausgabe an. Instrumental geprägt, bietet der Abend am 6.1.2024 Musiker auf Weltniveau, New Yorker Feeling und ein echtes Konzerterlebnis für alle Jazzliebhaber. Mit einem ersten Set wird das Trio „Trey“ den Abend eröffnen. Gitarrist Bastian Ruppert, Bassist Caspar van Meel und Schlagzeuger Dominic Brosowski kennen einander aus unterschiedlichsten Konstellationen. Entsprechend viele Näherungswinkel finden sie im gemeinsamen Spiel. Mit Stefan Karl Schmid hat sich Trey ergänzend einen herausragenden Saxophonisten eingeladen. Es ist der Sound der Versöhnung. Auf einem leicht und durchlässig gewebten Drum-Teppich breiten sich Gitarre, Saxofon und Bass aus – unaufgeregt, zugänglich und doch alles andere als beliebig. Trey ist eine Band, die in dieser Form seit einem Jahrzehnt aufeinander eingespielt ist. Das Ego bleibt außen vor, es geht nicht um den Einzelnen, immer um die Gruppe und noch viel mehr um den jeweiligen Song. Jeder der vier Musiker versucht den jeweils drei anderen eine Situation zu schaffen, die für sie so angenehm wie möglich ist. Die aktuelle Platte Lucky Streak ist eine ebenso poetische wie grundehrliche Platte aus der Mitte der Gemeinschaft. Der Klang wie ein unbeschwertes Tagebuch gar nicht so unbeschwerter Tage.

Den phänomenalen Höhepunkt des Abends bildet eine Triobesetzung rund um den New Yorker Bassisten John Goldsby. Das John Goldsby Trio stammt direkt aus dem Herzen der legendären WDR Big Band. Mit Billy Test am Klavier und Hans Decker an den Drums gehören die drei Musiker zu den meistbeschäftigten Jazz-Rhythmusgruppen der Welt. Das Trio zeigt eine unheimliche Hellsichtigkeit, wie man sie nur bei Bands hört, die regelmäßig zusammen auftreten. Sensibel, swingend und geerdet durch die vielen Jahre, die sie in der internationalen Jazzszene als Begleiter verbracht haben, fangen Goldsby/Dekker/Test den wunderbaren, wilden Puls der Jazztradition ein und fügen gleichzeitig innovative Akzente hinzu. Goldsby sieht sein Album, „Segment“ mit Dekker und Test als „den Höhepunkt von vier Jahrzehnten im Jazzgeschäft.“

Jonas Röser, Begründer der Konzertreihe, freut sich auf ein echtes Highlight in 2024. „Die WDR Big Band gehört zu den besten Big Bands der Welt. Die Rhythm Section als geschlossenes Trio erleben zu dürfen, lässt auch ein Veranstalterherz höher schlagen“, so Röser. „Die Jungs sind wirklich viel unterwegs, aber am 6.1. zu Gast in Lantershofen.“

Veranstaltungsankündigung

Jazz ohne Stress kündigt sich mit einer 19. Ausgabe an. Instrumental geprägt, bietet der Abend am 6.1.2024 Musiker auf Weltniveau, New Yorker Feeling und ein echtes Konzerterlebnis für alle Jazzliebhaber. Mit einem ersten Set wird das Trio „Trey“ den Abend eröffnen. Gitarrist Bastian Ruppert, Bassist Caspar van Meel und Schlagzeuger Dominic Brosowski kennen einander aus unterschiedlichsten Konstellationen. Entsprechend viele Näherungswinkel finden sie im gemeinsamen Spiel. Mit Stefan Karl Schmid hat sich Trey ergänzend einen herausragenden Saxophonisten eingeladen. Es ist der Sound der Versöhnung. Auf einem leicht und durchlässig gewebten Drum-Teppich breiten sich Gitarre, Saxofon und Bass aus – unaufgeregt, zugänglich und doch alles andere als beliebig. Trey ist eine Band, die in dieser Form seit einem Jahrzehnt aufeinander eingespielt ist. Das Ego bleibt außen vor, es geht nicht um den Einzelnen, immer um die Gruppe und noch viel mehr um den jeweiligen Song. Jeder der vier Musiker versucht den jeweils drei anderen eine Situation zu schaffen, die für sie so angenehm wie möglich ist. Die aktuelle Platte Lucky Streak ist eine ebenso poetische wie grundehrliche Platte aus der Mitte der Gemeinschaft. Der Klang wie ein unbeschwertes Tagebuch gar nicht so unbeschwerter Tage.

Den phänomenalen Höhepunkt des Abends bildet eine Triobesetzung rund um den New Yorker Bassisten John Goldsby. Das John Goldsby Trio stammt direkt aus dem Herzen der legendären WDR Big Band. Mit Billy Test am Klavier und Hans Decker an den Drums gehören die drei Musiker zu den meistbeschäftigten Jazz-Rhythmusgruppen der Welt. Das Trio zeigt eine unheimliche Hellsichtigkeit, wie man sie nur bei Bands hört, die regelmäßig zusammen auftreten. Sensibel, swingend und geerdet durch die vielen Jahre, die sie in der internationalen Jazzszene als Begleiter verbracht haben, fangen Goldsby/Dekker/Test den wunderbaren, wilden Puls der Jazztradition ein und fügen gleichzeitig innovative Akzente hinzu. Goldsby sieht sein Album, „Segment“ mit Dekker und Test als „den Höhepunkt von vier Jahrzehnten im Jazzgeschäft.“

Jonas Röser, Begründer der Konzertreihe, freut sich auf ein echtes Highlight in 2024. „Die WDR Big Band gehört zu den besten Big Bands der Welt. Die Rhythm Section als geschlossenes Trio erleben zu dürfen, lässt auch ein Veranstalterherz höher schlagen“, so Röser. „Die Jungs sind wirklich viel unterwegs, aber am 6.1. zu Gast in Lantershofen.“

05.01.2024: RENÉ SYDOW

„Alles ist Sprache und Sprache ist alles“

Kabarettist René Sydow sang in Lantershofen ein Loblied auf die Sprache und verteufelte das Gendern

Was für eine Wortakrobatik? Auf der Kulturlant-Bühne in Lantershofen begann das Jahresprogramm 2024 mit einem Vortrag des Kabarettisten René Sydow. Der ist nicht nur bekannt für seine komplexen Worttiraden über Politik und Gesellschaft, er lässt sich auch in keine Schublade zwängen, schon gar nicht einer politischen Richtung zuordnen. Daher erhalte er auch kaum Fernsehpräsenz, machte er den knapp 200 Gäste im Lantershofener Winzerverein klar, ohne dabei zu jammern. Denn verbiegen lasse er sich nicht.

Sydows aktuelles Programm „In ganzen Sätzen“ befasst sich mit Sprache. Mit der deutschen Sprache, auf die der Sauerländer ein zweistündiges Loblieb zu singen wußte. Und so machte er den Gästen relativ schnell klar: „Es wird ein sprachlich sehr genauer Abend.“ Sydow erzählte von einer deutschen Sprache voller Falltüren und verteufelte den „sprachlichen Straßenstrich der Datenautobahnen bei WhattsApp, Twitter und Konsorten.“ Vielmehr wurde der Abend als ein komplettes Buch dargestellt. Die Kapitel: Sprache in der Politik, Sprache als Ablenkung, politisch korrekte Sprache und Sprache des Fanatismus.

Je mehr der Abend fortschritt, umso mehr echauffierte sich Sydow. Vom eher flachen politischen Ablenker, die SPD sei auch dank des Kanzlers die „Partei des kleinen Mannes“ ging es dem Internet schnell an die Wäsche. Da sezierte der Kabarettist die „kaputtesten und schädlichsten Apps der Welt“, deren User in der Einsamkeit verblöden. Er referierte über die Dauerüberwachung mit dem ausschließlichen Nutzen für Konzerne. Da ging es um die immer Beleidigten und die Deckungsgleichheit von politischer Korrektheit und religiösem Fanatismus in der Sprache. Dabei sieht sich Sydow durchaus als Spracharbeiter, besessen vom Ziel, die Welt zu verbessern und machte im Epilog klar: „Alles ist Sprache und Sprache ist alles.“ Das Publikum in Lantershofen dankte mit langem Applaus für die oftmals überdeutlichen Worte.

Veranstaltungsankündigung

In ganzen Sätzen

Es könnte einem die Sprache verschlagen: Die Alten jammern, die Jungen tweeten, die Woken gendern, die Assis prollen, die Rechte spaltet, die Linke auch. Nur die Klugen sind verstummt. Damit ist jetzt Schluss!

Deutschlands sprachmächtigster Kabarettist spricht nun an und aus, was in unserer Sprache und Gesellschaft verschleiert, totgeschwiegen und zerredet wird. Er seziert Herrschaftssprache und Internetgebrabbel, lässt heiße Luft aus Schaumschlägern und Wichtigtuern, entlarvt Phrasendrescher und Wortverbieter. Wo andere faseln, redet er Tacheles. Wo gelabert wird, stellt er fest. Statt Blabla gibt es Gedanken. Statt Larifari: Sinn.

Und wenn der Zuschauer sich fragt: „Darf man das so sagen?“, dann antwortet der Kabarettist: „Ja. Aber nur in ganzen Sätzen.“

„Ein Freibeuter, der es versteht Breitseiten abzufeuern und zwar zugleich in alle Richtungen. Ein Treffer nach dem anderen.“
Schwetzinger Zeitung

„Ätzend, bitterböse, ein brillanter Intellektueller, der den großen Wurf verfolgt. Einer der Großen des politischen Kabaretts“
Die Rheinpfalz

28.-31.12.2023: COVERBAND-FESTIVAL

Welthits wie am Fließband

Mit einem viertägigen Cover-Band-Festival zwischen Weihnachten und Neujahr haben Lantershofener Vereine das Jubiläum „125 Jahre Winzerverein Lantershofen“ ausklingen lassen. Das Festival renommierter Bands, die zumeist vor vierstelligen Besucherzahlen auftreten, in der Clubatmosphäre des altehrwürdigen Winzervereins war der Höhepunkt der Festivitäten. Hunderte von Besuchern wollten sich die Konzerte nicht entgehen lassen. Die Auftritte von „The Queen Kings“, „Abba Fever“ und „Still Collins“ waren ausverkauft und auch beim Konzert von „Alex im Westerland“ am Silvesterband war der Winzerverein gut gefüllt.

Dabei gab es einen Hit nach dem anderen auf die Ohren. Was auffiel: die Musik von Queen, Abba, Genesis oder den Toten Hosen ist zeitlos, das Publikum von ganz jung bis „längst in Rente“ feierte die Musiker. Rockig ging es los, als die Queen Kings die Titel aus dem Film „Bohemien Rhapsody“ coverten, wobei eine Rockhymne die nächste jagte. „We Will Rock you“, „A Kind of Magic“, „We are the Champions“, „Who Wants to Live Forever“, die Band wagte sich sogar an Bohemian Rhapsody und brachte mehr als zwei Dutzend Queen-Hits nach Lantershofen.

Tag darauf ließen „Abba Fever“ aus Hamburg die Zeit der Disco aufleben. Natürlich geizte auch diese siebenköpfige Formation nicht mit den Gassenhausern der vier Schweden. Ob „Waterloo“, „Dancing Queen“, „Mamma Mia“ oder „Thank you for the Music“, es gab in fast drei Stunden alle großen Hits zu hören.

Gleiches galt auch für Still Collins, die die musikalische Welt des Phil Collins durchleben ließen, angefangen in der Zeit, als Collins noch am Schlagzeug saß und Peter Gabriel die Stimme von Genesis war. „Solsbury Hill“ oder „Sledgehammer“ waren zu hören, dann die großen Genesis-Hits der Collins-Ära und schließlich die Gassenhauer aus der Solokarriere Collins‘. Und schließlich waren es am Silvesterabend „Alex im Westerland“, die noch einmal rund 200 Gäste mit den Hits von „Die Ärzte“ und „Die Toten Hosen“ auf ein rockiges neues Jahr einstimmten. Der Winzerverein wurde an vier Abenden seiner Atmosphäre als Musik-Club vollauf gerecht.

16.12.2023: MATTHIAS EGERSDÖRFER

Eigentlich ein ganz normaler Verrückter

Starke Nerven und eine große Freude am Theaterspiel brauchte, wer sich am Samstag in den Lantershofener Winzerverein begab. Dort sorgte das Gastspiel des Fürther Kabarettisten und Schauspielers Matthias Egersdörfer für Reaktionen, wie sie unterschiedlicher kaum sein konnten. Während die einen zur Pause bereits das Theater verließen, zeigten sich die anderen vom Vortrag restlos begeistert. „Der Mann ist ein wandelndes Gesamtkunstwerk“, so ein Gast nach einer Show in Überlänge. Fast drei Stunden hatte Egersdörfer da auf sein Publikum eingewirkt. Mehr als 200 Gäste wollten den exzentrischen Franken mit weichem Kern erleben.

Egersdörfer trat dabei in eine Rolle aus Erlebtem, Wunschdenken und Träumereien. Er spielte den Mieter im Hinterhaus in einer Wohngemeinschaft, der er persönlich oder am Telefon mal freundlich, mal grummelnd begegnete. Wenn der Egersdörfer dann am Wohnzimmertisch dem aktuell Positivsten aus seinem wahren Leben frönte, sich also die wohlschmeckende Brühe aus der neuen Kaffeemaschine einverleibte, kam der wahre Mensch in ihm heraus. Er, der der ollen Frau Schlitzbier aus dem Vorderhaus, einer 86-jährigen Ostpreußin, tagein tagaus beim Dauerhusten zuhören musste und sich dann von ihren flapsigen Wortfetzen in den Wahnsinn treiben ließ. Er, den das Geplärre der „Bahulgenkinder“ aus der Wohnung unter ihm noch wahnsinniger werden ließ. Dort, wo die Bahulgenmutter tagein, tagaus nur an den sieben, 13 oder 21 Kindern ziehe, zupfe und deren Wäsche wasche und ob der Masse die Bälger nicht einmal mehr unterscheiden kann. Und obendrüber wohnt der Scheinheilige und will den Egersdörfer seit Jahren in seine Wohnung locken – vergeblich.

In all dem Wahnsinn träumt der geplagte Hinterhaus-Mieter davon, einem Publikum in seinem Wohnzimmer seine neueste lyrische Komposition vorstellen zu dürfen: das „Manifest des idealen Sonntags.“ Dabei gleitet er mit herrlichen Geschichten und Vergleichen immer wieder in die lyrischen Tiefen einer gewissen Verrücktheit ab.

Was denn eigentlich ein Manifest sei, wollte der Egersdörfer wissen und sprach Besucher direkt an, um sie dann mehr oder minder bloßzustellen. Das Cholerische, dass den Franken bekannt und berühmt machte, hat er zwar zurückschrauben, aber keineswegs gänzlich abstellen können. Gebremst wird er immer wieder von der Mutter. Eigentlich längst gestorben, hat er sie in Form einer Puppe aus Sperrmüll wieder auferstehen lassen, um sich von ihr Vorschriften machen zu lassen. Auf das Leben übertragen, kann er vieles nicht. Die Ex-Frau hat er im Telefon unter „Terror“ gespeichert, wie er überhaupt die Denkart von Frauen mit der Lebensweise von Tiefseefischen vergleicht, beides unergründlich. Egersdörfer ist von der Umwelt gebeutelt und sagt: „Du kriegst doch heute keinen Schulabschluss mehr ohne einen Grundkurs in Arroganz.“ Immerhin reicht es am Ende noch für die komplette Verkündigung des 20-Punkte-Manifestes, bei dem klar wird: er wünscht sich die heile Welt aus Samstagsspaziergang, Sonntagsmesse, Frühschoppen und Braten am Mittag zurück, vielleicht noch ein wenig Beischlaf nach dem Mittagessen.

Veranstaltungsankündigung

Matthias Egersdörfer – „Nachrichten aus dem Hinterhaus“

Gehen sie durch die große Eingangstür des Mietshauses, dann geradeaus weiter durch das Tor. Jetzt stehen sie im Hinterhof, links neben ihnen die Abfalleimer, die riechen mal weniger, mal mehr. Schreiten sie am besten zügig weiter, rechts herum, vorbei an der alten Kastanie, die ihre Äste in das bisschen Himmel reckt. Gleich dahinter befindet sich der Eingang zum Hinterhaus. Über ein schmales Treppenhaus kommen Sie in den zweiten Stock hinauf. Vor Ihnen befindet sich nun die rote Eingangsstür. Dahinter haust der Egers mit der Frau. Treten Sie ein! Hinten in der Wohnung, da liegt er im Bett und träumt seine lustigen Nachrichten. Im Wohnzimmersessel sitze er und schüttelt den Kopf deswegen. Kommen Sie mit in die Küche, da hat er gerade ein Käsebrot gegessen, man kann den Käse noch riechen.

Jetzt lehnt er sich zum Küchenfenster hinaus. Sie können ihm direkt über die Schulter blicken. Man hört die alte Frau Schlitzbier aus dem Vorderhaus husten. Einen Stock darunter plärren die Bahulgenkinder und die Kindsmutter; es geht um die Feuerkäfer vom Bub, die im Bett herumlaufen, sie plärren so laut, dass einem schier die Synapsen aus dem Ohr herausfallen. Schnell schließt der Egersdörfer das Fenster wieder und da hat er Sie entdeckt.

Doch sie brauchen keine Angst zu haben, er tut ihnen nichts. Er kocht ihnen sogar einen Kaffee. Sie müssen sich nur zu ihm an den Küchentisch setzen und ihm zuhören und schon erzählt er Ihnen, was es mit dem Husten und den Käfern auf sich hat und welche Nachrichten aus dem Hinterhaus es noch gibt. Er ist ein guter Erzähler und sie das perfekte Publikum.

Regie: Claudia Schulz

www.egers.de

02.12.2023: JECKEDIZ

„Jeckediz“ kamen sozialkritisch daher

In Lantershofen gab es ein außergewöhnliches Konzert

„Manche Leute sagen, wir seien eine Karnevalsband“, meinte Michael Ley, Musiker der Kreisstadt-Formation „Jeckediz“ am Samstag in Lantershofen. Prinzipiell mag diese Einschätzung stimmen, auf der Kulturlant-Bühne gab es jedoch ein ganz anderes Programm namens „Mer künne och anders.“ Anders können im nahen Köln nämlich auch die Musiker, die ansonsten für die Verbreitung guter Laune zuständig sind. Und darum coverten Jeckediz nun in Summe 21 kölsche Songs mit sozialkritischen Texten.

Da ging es beispielsweise um Hass gegen Ausländer, um Widerstand aus den Zeiten des Nationalsozialismus, um das Leben Obdachloser und gänzlich darum, den Menschen so zu nehmen, wie er ist. Auch den Bezug zur Flutkatastrophe im Ahrtal fanden Jeckediz im Bläck Fööss-Lied „Usjebomb“, weil es nach der Flut in den Orten kaum anders aussah als nach dem Zweiten Weltkrieg in Köln. Immer wieder gab es Songs aus den sogenannten „Arsch huh“-Projekten zu erleben. Die standen schon in den 1990er Jahren für den Kampf gegen Rassismus.

Jeckediz sangen über „Fleisch un Bloot“ oder „Jröne Papajeie“ aus der Feder von Kasalla, über Rußland-Rückkehrer „Jupp“ der auf der Straße landete, über BAP-Song „Wellenreiter“ über Mitläufer oder „Ungerm Adler“ von den Bläck Fööss. Die fünf Stamm-Musiker Andreas Hoß, Dirk Schoenmakers, Michael Ley, Michael Schella und Thomas Gorba hatten sich Verstärkung auf die Bühne geholt. Keyboarder Thomas Giesen war dabei eine Klasse für sich und die erst 16-järhige Rebecca Schoenmackers, die „Nit mit uns“ (Anke Schweitzer & Rolf Lammers) sowie „Bes zom nächste Morje“ (BeerBitsches) sang, bewies eine großartige Stimme.

Mit dem Konzert, dass Michael Ley kurzweilig mit vielen Geschichten über die Jeckediz-Musiker moderierte, zeigte die heimische Band mehr als drei Stunden lang die Facetten der kölschen Liedkultur auf, die auch anklagend, fragend und protestieren sein kann. Die Gäste im ausverkauften Lantershofener Winzerverein dankten der Band am Ende mit stehenden Ovationen.

Veranstaltungsankündigung

Mer künne och anders!

Von einer ganz anderen Seite präsentiert sich die Ahrkreis-Mundartband „Jeckediz“ am 2. Dezember in Lantershofen. Dann heißt ihr Programm „Mer künne och anders“ – Jeckediz anders erleben. Schon einmal trat man unter dem Programmnamen in der ehemaligen Ahrweiler Synagoge auf und erntete viel Beifall. „Jetzt soll es endlich ein Fortsetzung geben“, sagt Sänger Dirk Schoenmakers. Was Jeckediz bieten, sind nachdenkliche, tiefgründige, kritische kölsche Lieder von den Bläck Fööss, BAP, Brings, Kasalla, Paveier und vielen anderen sonst eher im Karneval beheimateten Bands. Dass diese Bands nicht „nur“ Karneval können, will Jeckediz in seinem Programm zeigen. Die Musiker werden dies in der gewohnten Besetzung, aber verstärkt mit Thomas Giesen an den Tasten und mit akustischen Instrumenten in etwas „abgespeckter“ Version gegenüber ihren sonstigen närrischen Auftritten präsentieren. Aus diesem Grund ist es auch keine Stehplatzveranstaltung, der Saal des Winzervereins wird bestuhlt, Gastgeber ist der Grafschafter Verein Kulturlant e.V. Mit dem Erlös wollen Jeckediz und Kulturlant die Arbeit des Vereins „Botzedresse – Kinderherzen in Not e.V.“ unterstützen.

25.11.2023: MARTIN ZINGSHEIM

Verzicht muss auf jeden Fall Spaß machen

Kabarettist Martin Zingsheim begeisterte in Lantershofen mit „aber bitte mit ohne“

„Aber bitte mit ohne“ – wird das schon wieder so ein „rot-grün versifftes Weltverbesserungsprogramm“? Das fragte ausgerechnet der, der dem Programm seinen Namen gab: Kabarettist Martin Zingsheim. Der Kölner war am vergangenen Samstag zu Gast bei Kulturlant in Lantershofen. Dort begeisterte er mehr als 220 Gäste mit einem Programm, dass an Stand-up-Kabarett erinnerte, obwohl es das eigentlich nicht war. Vielmehr sprach Zingsheim zwei Stunden lang über den geprobten Verzicht, bei dem man aber nicht auf irgendetwas verzichten will. Das zumindest ist die Quintessenz aus seinen Erfahrungen. Und so hielt Zingsheim dem Publikum auch immer wieder den Spiegel vor, mimte den Weltverbesserer, der sich nur rudimentär hinterfragt. Bei 462 Kilogramm Hausmüll pro Kopf und Jahr und 120 Millionen Fluggästen in der Luft ist das auch schwerlich möglich.

Aber wie war das mit dem Titel? Seine Frage beantwortete Zingsheim nach einigen Zögern mit „ja.“ Es wird ein rot-grün versifftes Programm zur Weltverbesserung. Auch weil andere Arbeitstitel nichts taugten. „Jägermeister ist kein Ausbildungsberuf“ war so ein Arbeitstitel. „Aber dann kommen auch die Falschen“, so Zingsheim. Und wer bei „Hirnforschung für Nichtbetroffene“ ein Ticket kauft – da weiß man auch Bescheid. Also „aber bitte mit ohne.“ Denn Verzicht liegt im Trend. Muss aber Spaß machen: weniger Alkohol, weniger Fett, weniger Sport. Oh, wunder Punkt. Aber Verzicht muss sein, da kommt der Müll wieder ins Spiel. „Früher gab es Seife, am Stück, unverpackt“, erinnert sich Zingsheim. „Das hielt je nach Nutzung ein Leben lang“, so die folgende Pointe.

Von den Pointen hatte er unzählige im Repertoire, das Publikum kam kaum aus dem Lachen heraus, so gebündelt schoss der Kabarettist seine Gags in den Winzersaal. Hin und wieder setzte er sich ans Piano und trug seine weltverbessernden Ideen musikalisch vor. Seine Message: Recycling ist nicht die Lösung. Und so wetterte Zingsheim gegen Millionen von Pappbechern für Kaffee. Er habe neuerdings einen Henkelbecher aus Metall bei sich. „Da stelle ich den viel zu heißen Pappbecher rein.“ Und so jagte ein misslungener Versuch der Weltverbesserung den nächsten. Bleibt zu hoffen, dass das Publikum über den ein oder anderen Kalauer noch einmal nachdenkt.

Martin Zingsheim war am Samstagabend nicht alleine nach Lantershofen gekommen, im Auto saß auch noch Junior Anton Zingsheim. Der durfte sogar auf die Bühne und den Papa mit seiner Geige beim letzten Musikstück begleiten. Und so gab es stehende Ovationen für beide Zingsheims.

Veranstaltungsankündigung

Martin Zingsheim – aber bitte mit ohne

Heutzutage ist Verzicht der wahre Luxus. Echte Teilzeit-Asketen verzichten eigentlich auf alles: Fleisch, Laktose, Religion und vor allem eine eigene Meinung. Einfach loslassen. Auch Martin Zingsheim hat sich frei gemacht. Ein Mann. Ein Mikro. Keine Pyrotechnik. Denn alles was Du hast, hat irgendwann Dich. Und Relevanz braucht keine Requisiten. Wenn Überflussgesellschaften Verzicht üben, ist das Leben voller Widersprüche.

Zweitägige Fernreisen treten Viele nur noch in fair gehandelten Öko-Klamotten an und transportieren Wasser in Plastikflaschen dafür mit dem Elektrofahrrad. Martin findet in „aber bitte mit ohne“ gleich eine ganze Menge Wahnsinn, auf den man sofort verzichten könnte: Kundenrezensionen, Terrorismus-Experten, Tierfreunde, Hobbypsychologen, Online-Petitionen und glutenfreie Sprühsahne. Nur auf eines sollten Sie niemals verzichten: nämlich ins Theater zu gehen!

Martin Zingsheim, mit Auszeichnungen überhäufter Comedian aus Köln, präsentiert sein ständig aktualisiertes Erfolgsprogramm, in dem er wie kein Zweiter sprachlich brillante Komik und rasante Gags mit kritischer Tiefenschärfe zu verbinden weiß. Zingsheim ist wie Philosophie, nur mit Witzen statt mit Fußnoten. Dadurch wird’s auch deutlich lustiger.

14.10.2023: INKA MEYER

Die Kaulquappen unter den Rindviechern

Kabarettistin Inka Meyer war in Lantershofen zu Gast

Auftakt der Saison 2023/24 beim Grafschafter Verein Kulturlant: am vergangenen Samstag stand Kabarettistin Inka Meyer auf der Bühne im Lantershofener Winzerverein und spielte vor 150 Gästen ihr aktuelles Programm „Zurück in die Zugluft.“ Meyer, 44, vollständig bemannt aber ganz gezielt kinderlos, skizzierte in dem knapp zweistündigen Programm gnadenlos ihr Leben, ihr Umfeld und ihre Zukunftsvisionen. Dabei nahm sie ihren Bekanntenkreis gleich mit und bewies irgendwie nicht nur eine große Beobachtungsgabe, sondern ließ auch so manchen Bekannten verbal über die Klinge springen. Meyer machte deutlich, dass ihr vieles an der aktuellen Welt nicht gefällt. Beispiel Anglizismen. Da steht für die gebürtige Erlangerin mit friesischen Wurzeln fest: „To go ist ein no go.“ Aber damit muss sie sich höchstens im Stehcafé an der Ecke auseinandersetzen. Schwieriger wird es im näheren Umfeld, wo die Kabarettistin die CO2-Bilanz von Zierfischen unter die Lupe nahm. Da passte es doch, dass in Bayern Moore rekultiviert werden und dann Wasserbüffel dabei als Moor- und Klimaschützer zum Einsatz kommen. „Die sind ja sozusagen die Kaulquappen unter den Rindviechern“, stellte Inka Meyer klar.

Ach ja, Kinderwunsch war nie. Im Gegenteil. Ist auch besser, zumindest sei es früher doch so gewesen, dass Eltern ihre Kinder erzogen hätten. „Heute erziehen die Kinder ihre Eltern“ blieb Meyer im großen Überthema Klimaschutz. Apropos Kinder und Familie. Dass Jesus aus einer der ersten Patchwork-Familien stammte, wurde im Programm auch deutlich, hatte er doch vier Geschwister, allesamt von Stiefvater Josef. Kind von Gott wolle sie dagegen auch nicht gewesen sein, meinte Inka Meyer. Schon weil er immer übers Wasser ging, wurde Jesus doch von den anderen Kindern gehänselt, da er wohl nicht schwimmen könnte. Und was ist das Geheimnis einer guten Ehe? Der Ausschalter am Hörgerät.

Der Blick auf die Familie schweifte immer wieder nach Friesland, wo die Menschen im Schnitt 300 Liter Tee im Jahr zu sich nehmen. Mehr trinken nur die Japaner. Und die Queen trank mehr. „Deshalb war sie auch so abgebrüht“, hatte Meyer bemerkt.

Die Bahn-Vielfahrerin hatte schließlich auch noch einen Tipp parat: Knapp buchen, Züge verpassen, Ticketkosten zurückverlangen. Rund 1100 Euro habe sie im vergangenen Jahr in Bahntickets investiert, 580 Euro gab es als Entschädigungen zurück. „Da kauf ich mir doch kein 49-Euro-Ticket, ist doch viel zu teuer.“ In Lantershofen erhielt Inka Meyer für ihren Auftritt viel Applaus, obwohl sie stark erkältet schon mit hörbar angeschlagener Stimme sprach. Auftritte nach dem Samstag sagte sie ab.

Unterdessen erhielt der Verein Kulturlant am Samstag die traurige Nachricht, dass der Kölner Musiker Frank Hocker plötzlich und unerwartet verstorben ist. Das für 4. November geplante Konzert mit „Köster und Hocker“, ist ersatzlos gestrichen, Infos zur Ticketrückgabe sind auf den online-Kanälen von Kulturlant abrufbar.

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Zurück in die Zugluft – Die unerträgliche Seichtigkeit des Scheins

Als Kind war jeder Tag ein Sonntag. Als Student immer Freitag. Und heute ist irgendwie ständig Montag. Was ist passiert? Unser Alltag ist ein Ausnahmezustand, der zur Regel wurde. 60% aller Menschen reden mit ihrem PC, wobei 90% persönliche Beleidigungen sind und 20% in Handgreiflichkeiten enden. Was haben Bill Gates und Karl Marx gemeinsam? Beide sind Erfinder von Systemen, die gut gedacht waren, aber die Menschen in tiefste Verzweiflung gestürzt haben. Und mein Arzt meint auch noch, ich solle mich mehr bewegen. Wieso? Ich laufe dreimal täglich Amok!

Was uns bleibt, ist die Flucht. Nur Wohin? Zurück in die Natur? Ich schaffe es ja nicht mal in den eigenen Garten. Neulich habe ich dort einen Riesenkompost entdeckt, sogar auf Stelzen. Dann habe ich gemerkt: „Verdammt! Das ist das Gartentrampolin.“

Deshalb sagen viele Menschen in Deutschland: „Was wir brauchen ist ein Führer!“ Auf Neudeutsch: „Coach“. Zur Selbstfindung. Nur was, wenn mir nicht gefällt, was ich da finde? Mein Chef hat meinen Achtsamkeits-Coach sogar bezahlt. Toll, denn dank meiner Firma weiß ich endlich, dass ich den falschen Job habe. Doch enden meine Bewerbungsgespräche stets mit: „Veni, vidi, violini.“ Übersetzt: „Ich kam, ich sah, ich vergeigte.“

Mal ehrlich: Zu unserem Glück brauchen wir keinen Coach, sondern eine anständige Couch! Ein Platz nur für uns allein. Wo es den gibt? Bei Inka Meyer. Sie ist „die letzte Inka“ des deutschen Kabaretts. Das heißt: Indianerin und Fährtenleserin im Dickicht der Moderne. Die Tochter eines friesischen Orientexperten ist die perfekte Reisebegleitung auf der Suche nach dem verlorenen Spaß. Im Anschluss an ihre Show werden Sie laut ausrufen: „Freunde! Wenn ihr Probleme braucht, ich bin immer für euch da.“