28.05.2022: ZÄRTLICHKEITEN MIT FREUNDEN

„Ossi“ und „Wessi“ leben auf der Bühne weiter

Das Duo „Zärtlichkeiten mit Freunden“ hielt den Kulturlant-Gästen den Spiegel vor

Es hat eine paar Jahre und viele Anfragen lang gedauert, aber jetzt waren sie auf der Kulturlant-Bühne zu erleben: Stefan Schramm und Christoph Walter ziehen seit vielen Jahren über die Bühnen der Republik, um als „Die bekannte Band Zärtlichkeiten mit Freunden“ mit schräg und schief sitzenden Perücken in die Rollen des Ines Fleiwa und des Cordula Zwischenfisch zu schlüpfen. Mittels Gitarre und Schlagzeug versuchen die beiden dann, ihre rudimentären Musikkenntnisse einem Publikum zu vermitteln, dass sich meist nicht entscheiden kann, ob es denn lachen oder heimgehen soll. Vorwerggenommen: früher nach Hause ging auch in Lantershofen niemand, auch weil die beiden Kabarettisten aus Riesa es von der ersten Minute an darauf anlegten, den Ossi-Wessi-Konflikt auch 33 Jahre nach dem Mauerfall am Leben zu erhalten und Themen mit ihrem eigenen Genre „Musik-Kasperett“ bewusst ins Lächerliche zu ziehen.

Ihr aktuelles Programm „Mitten ins Herts“ hat noch immer viel von den Programmen früherer Jahre, denn geändert hat sich in ihrem Spezialgebiet ja auch nichts. Und so verriet Cordula Schlagzeug, dass er seit einem dreiviertel Jahr Schlagzeug spielt. „Also Viertel vor Jahr,“ bemüht er die „Zeitansage West.“ Üben kann er aktuell nicht mehr, ist er doch in eine Wohnung ins Erdgeschoss gezogen. Mit neun Zentimeter dünner Plattenbau-Innenwand zur Nachbarin, die das Schlagzeug nicht vertragen kann, seit ihr beim Fußballspiel die Kniescheibe abhandenkam.

Oft genug wird dabei der „Besser-Wessi“, zum „Besser-Ossi“, der die Vorurteile einfach umdreht. „Willst Du es lustig machen“, frage Ines seinen Schlagzeuger, als dieser das Jackett dreht, rückwärts an den Trommeln sitzt, die Maske des grimmigen Beamten über den Hinterkopf zieht, „Venus“ auf dem Rücken begleitet und sich danach feiern lässt, wie ein Popstar. Klar will er es lustig machen und ein Lächeln auf die Gesichter von den tapferen Menschen zaubern. „Auf die von der ehrlichen Arbeit gegerbten Nubuk-Gesichter. Denn sie haben ja nichts in der Grafschaft, außer diesem braunen Bio-Kleber und dem Wein, mit dem man prima Flecken entfernen kann.“

Hier auf den Bühnen zu arbeiten, ist nicht leicht. Wo die Menschen mit ihren Pullovern sitzen, die doch humanoide Bassfallen für die Instrumente der beiden Musiker bilden, welche es also ganz besonders fein einzustellen gilt. Und dann verwandelt sich Cordula Zwischenfisch auch noch in Rico. In Rico Rohs aus Oppitzsch, das liegt zwischen den Metropolen Riesa und Strehla. Rico mit dem Weltraum als Hobby, der Ines nun musikalisch begleitet. „Hier kommt es ja nicht drauf an“, zitiert er seinen Partner, denn das Publikum ist eh nach der Pause besoffen und einzig darauf aus, die Ossis mit langem Applaus vorzuführen. Aber das will der Gitarrist nie so gesagt haben. Und als die beiden am Ende auch in Streit geraten, baut der Schlagzeuger noch während des dritten und letzten musikalischen Vortrags sein Instrumentenensemble Stück für Stück ab. Dem Publikum in Lantershofen gefällt es. Und nachtragend sind sie im Winzerverein auch nicht.

Veranstaltungsankündigung

Die bekannte Band „Zärtlichkeiten mit Freunden“ sind Stefan Schramm und Christoph Walther – ein unfaires Doppel im Morgengrauen am staubigen Scheideweg von Kabarett und Rock. Auf der einen Seite hemmungslose Fußballerbeine, dort lässige Überartikulation. Genau so beschreiten sie das selbst erfundene Genre des Musik-Kasperetts. Es verbindet sie spinnerte Verkleidungslust und unregelmäßiger Bartwuchs, beides noch von ganz damals her, aus der deutschen Eisdielenstadt Riesa. Diese brutalen Karrieristen buhlen um die Gunst der leichten Muse, die man früher „Quatsch mit Soße“ nannte oder „Politikverdrossenheit“. Sie gefallen sich in der Pose mitleidloser Spaß-Roboter! Mit alten Perücken provozieren sie Heiterkeit bis zur Tachykardie. Mitreißende Jingles, eine leibeigene Vorband, Spucke-weg-Zauberei auf akustischer Auslegware, Hits aus der Jugend verschiedener Generationen! Lange Pausen! Keine Löcher: Exakt wie ein Uhrwerk verpuffen sie ihre Pointen, oft auf Kosten des gebürtigen Elektrotechnikers Ines Fleiwa. Auf der Bühne verschmelzen Unvereinbarkeiten wie Intelligenz und Sächsisch, Sächsisch und Charme, Blockflöten und Sexyness. Das spektakuläre finale grande ist die legendäre Schlagzeugdekonstruktion. Ein melancholischer Engel geht durch den Raum. Kommt mit ins Wunderland unendlicher Adoleszenzen! Diese Show ist wahrlich ein feucht gewordenes Tischfeuerwerk!

14.05.2022: DJANGO ASÜL

Neues aus Hengersberg

Kabarettist Django Asül schaut seiner Umgebung aufs Maul

Mit Django Asül konnte der Grafschafter Verein Kulturlant am vergangenen Samstag ein „Urgestein“ der deutschen Kabarettlandschaft im Lantershofener Winzerverein begrüßen. Der niederbayerisch sozialisierte Sohn türkischer Gastarbeiter gehört seit mehr als 25 Jahren zu den skurrilsten Gestalten in der Kabarettszene. Mal politisch angehaucht, mal gesellschaftskritisch entstand sein aktuelles Programm „Offenes Visier“ noch vor der Corona-Pandemie hauptsächlich dort, wo sich Django Asül an sechs von sieben Tagen in der Woche morgens aufhält: am Stammtisch. Keinem virtuellen, sondern einem reelen Stammtisch. Der steht im Örtchen Hengersberg vor den Toren von Passau, gleich am Marktplatz in einem Wirtshaus, dass mittlerweile Kultstatus genießt. Nicht erst, seitdem Paul Breitner oder Edmund Stoiber den Kabarettisten dort besuchten , um vor allem dessen Stammtischbruder Hans kennenzulernen. Denn der ist wohl der wahre Kabarettist, Django Asül trägt nur dessen Blickwinkel in die Welt hinaus. Und manchmal ist der Blickwinkel des Hans ein ganz eigener, wenn er zum Beispiel sagt: „Die Realität hat schon lange nichts mehr mit der Wirklichkeit zu tun.“

Django Asül, dessen Bühnenbild nur aus ihm selbst, einem Stehtisch und einem Glas Weißbier besteht, zeigte erst einmal, dass er sich mit jedem seiner Auftrittsorte akribisch beschäftigt. Auch mit dem Ahrkreis, dem die Kelten den Weinbau brachten, weshalb die Trauben auch gekeltert werden. Von hier aus startete der Weinbau seinen Siegeszug in die Welt, zumindest nach Italien und Frankreich. Sagt Django und schwenkt auf die Familie und seine beiden kleinen Nichten, die sagen, was sie denken. Oder was sie hören: „Das was du machst, kann man nicht als Arbeit bezeichnen.“ Aha. So definiere sich auch die große Diskrepanz zwischen Familienleben und Freizeitleben. Das Publikum lacht, bis es den Tipp bekommt: „Fragen Sie mal in ihrer Familie, wer sie gut findet.“

Mit seinem Rundumschlag aus dem offenen Visier springt Asül buchstäblich durch einen großen kabarettisitischen Themenkreis, den 150 Gästen im Winzerverein bleibt kaum Zeit zum Lachen, geschweige denn zum Klatschen. Kann mach auch nicht immer, beipsielsweise beim Blick aufs Fernsehen der 1980er. „Die Show ‚Was bin ich‘ war eine Mischung aus ‚Wer wird Millionär‘ und den Nürnberger Prozessen“, so der Blickwinkel am Hengerberger Stammtisch. Ab und zu verläßt Asül diesen, wenn er zum Beispiel seine Lieblingsdestination Malta aufsucht, weil er doch so ein überzeugter Europäer sei. Hier tanke er seinen EU-Akku auf. Die Sprache in dieser seit dem Mittelalter als Steueroase bekannten Insel sei eine Mischung aus arabisch und italienisch, was dem Wesen des heutigen Maltesers entspreche: „Bakschisch und Mafia.“ Und ganz nebenbei lerne man dort auch, dass die Johanniter der bewaffnete Flügel der Caritas seien.

Gesellschaftspolitisch wurde es auch noch. Mangelnde Chancengleichheit und die längere Lebenserwartung Besserverdienender waren Asüls Themen, aber auch die mangelnde Schnelligkeit der Zukunftsgestaltung in Deutschland. Die Konsequenz hieraus: „Die Digitalierung der Arbeitswelt wird in unserem Land noch lange analog bleiben.“

Veranstaltungsankündigung

Kaum ist das Visier offen, hat Django Asül urplötzlich einen ganz anderen Blick auf die Dinge. Raus aus der Filterblase, rein in den Weitwinkel. Und vor allem: Raus in die weite Welt. Django Asül treibt sich herum von Marseille über Malta bis in den Nahen Osten. Und schon hagelt es Erkenntnisse auf die drängendsten Fragen: Wieso ist Malta das ideale EU-Land? Ist der Klimawandel eine Gefahr oder doch eher die Lösung wofür auch immer? Oder gilt das eher für die Digitalisierung?

Und: Ist der Einzelne in der Gesellschaft tatsächlich ersetzlich oder eher entsetzlich?

Denn mit offenem Visier sieht man nicht so sehr sich selbst, aber umso mehr andere und anderes. Ganz gegen den Trend ignoriert Django Asül die Selbstoptimierung und setzt auf Fremdoptimierung. Dabei lernt er vor allem Verständnis und Verständigung und wird so zum Mediator zwischen den Fronten.

Wie das alles funktioniert?

Ganz einfach: Django zahlt sich selber ein Grundeinkommen. Und ist damit seiner Zeit weit voraus. Dieses Programm ist daher ein Muss für alle, die den Weitblick nach innen und nach außen haben.

13.05.2022: VOYAGER IV

Wenn Mussorgsky auf Jean-Michel Jarre trifft

Mit der „Pictures at an Exhibition“ wagte sich Voyager IV auf eine spektakuläre Mission

„Space Rock“ nennen sie ihre Musik. Das Projekt „Voyager IV“ um den bekannten Pianisten Marcus Schinkel war ihrer ureigenen musikalischen Beschreibung der „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgsky auf der Kulturlant-Bühne in Lantershofen zu Gast. Dort ist es für die ausrichtenden Verein nach wie vor schwer, Musik außerhalb des Mainstreams an den Gast zu bringen. Nur 60 Zuschauer wollten die Vereinigung progressiver Rockmusik des 21. Jahrhunderts mit Elementen aus Klassik und Jazz erleben. Dabei orientierten sich Schinkel (Piano und Keyboards), Sänger und Percussionist Johannes Kuchta, Fritz Roppel (Bass) und Wim de Vries (Drums) in erster Linie neben dem Original aus dem 19. Jahrhundert an der Bearbeitung durch „Emerson, Lake & Palmer“ in den 1970er Jahren. Vor allem Schinkel brachte immer wieder ausgefallene Instrumente ins Spiel, wie die Laserharfe eines Jean-Michel Jarre, aber auch Theremin, Keytar oder den Synthesizer. Alles wurde somit ins Gewand des Progressiv-Rock des 21. Jahrhunderts transformiert. Aber nicht nur das: Voyager IV haben auch neue Songs aus den klassischen „Pictures at an Exhibition“ – Vorlagen der Mussorgsky Reihe entwickelt. Für Fans von Crossover-Projekten dürfte die Aufführung ein Feiertag gewesen sein, für die Freunde von Emerson, Lake & Palmer sowieso.

Veranstaltungsankündigung

Progressive Rock des 21. Jahrhunderts vereint mit Klassik und Jazz

Die Supergroup der 70er, Emerson, Lake & Palmer (E.L.P.) und der klassische Zyklus von Modest Mussorgsky sind nur der Ausgangspunkt für die spektakulären Voyager IV Konzerte. Mit tollen Songs und Kompositionen, Licht & Lasershow, ausgefallenen Instrumenten wie der Laserharfe von Jean-Michel Jarre, Theremin, Keytar und kosmischen Klängen aus Synthesizer und Klavier mischt die Band ein Programm aus Vocal-Songs und extrovertierten Instrumentaleinlagen. Auf ihrem aktuellen Album und damit auch Live auf der Bühne gehen Voyager IV aber noch einen gehörigen Schritt weiter: Die E.L.P. Versionen der „Pictures“ erfahren eine komplett neue Bearbeitung und erklingen nun im Gewand des Progressiv-Rock des 21. Jahrhunderts. Zudem haben Voyager IV neue Songs aus den klassischen „Pictures at an Exhibition“ – Vorlagen der Mussorgsky Reihe entwickelt.

Damit stellen Voyager IV wohl eines der interessantesten Crossover Projekte der internationalen Prog-Rock-Szene dar, das sie selbst gerne auch als Space Rock bezeichnen und das wohl nur noch am Rande als Tribute to E.L.P. zu verstehen ist.

Bandleader Marcus Schinkel tritt weltweit als Pianist auf, war 2018 in China als Kulturbotschafter für NRW und spielte im Oktober 2019 in Honduras Konzerte mit Rockband und Orchester. Die Rhythmusgruppe mit dem niederländischen Superdrummer Wim de Vries und Fritz Roppel am Bass lässt die energiegeladenen Sounds von Rush, Led Zeppelin oder Pink Floyd wiederaufleben. Sänger/ Songwriter Johannes Kuchta weckt mit seiner individuellen, charismatischen Stimme Erinnerungen an Peter Gabriel, Greg Lake, Phil Collins oder Fish.

09.04.2022: KRAAN

Ein Stück deutscher Musikgeschichte

Die Jazz-Rockband „Kraan“ wurde vor mehr als 50 Jahren gegründet. Am Samstag waren sie in Lantershofen.

„Endlich wieder ohne Maskenzwang und Abstandspflicht, auch wenn viele noch ein bisschen Paranoia haben, sich in die Nähe anderer Menschen zu begeben“, war das erste, was Star-Bassist Helmut Hattler dem Publikum im Lantershofener Winzerverein zu sagen hatte. Hattler war dort am Samstag mit seinen wohl wichtigsten Bandprojekt „Kraan“ zu Gast, deren Gründungsjahr mit 1971 angegeben wird. Mehr als 50 Jahren ziehen die Jazz-Rocker, die ihre Titel gerne mit orientalischen und asiatischen Klängen untermalen, also schon über die Bühnen. Und das immer gleicher Grundbesetzung. Sie sind als Begründer des Jazz-Rock längst zu einem Stück deutscher Musikgeschichte geworden und begeisterten auch im fortgeschrittenen Alter noch ihr Publikum. Hattler feiert in diesen Tagen seinen 70. Geburtstag. Vor der Bühne in Lantershofen tummelten sich derweil viele Mitglieder der heimischen Musikszene, aber auch Kraan-Fans, die teilweise weite Anfahrtswege in Kauf genommen hatten.

Sie alle waren von der rund zweistündigen Präsentation begeistert, für die sich das Trio mit Hattler am Bass, Peter Wolbrandt an der Gitarre und Jan Fride Wolbrandt am Schlagzeug Keyboard-Unterstützung geholt hatte. Auf die Ohren gab es in erster Linie Musik aus dem fünften Live-Album von Kraan „The Trio Years.“ Stücke, wie „Andy Nogger“, „Nachtfahrt“ oder „Pick Peat“ führten die Fans immer wieder quer durch fünf Jahrzehnte Kraan-Klassiker, die für „The Trio Years“ neu für den Liveauftritt definiert wurden. Peter Wolbrandt und Helmut Hattler ließen in erster Linie ihre Gitarren sprechen und singen, tatsächlicher Gesang blieb Nebensache, war auch nicht wirklich das, was die knapp 150 Fans im Winzerverein hören wollten. Der Kraan-Sound stand eindeutig im Vordergrund, da kamen alte Emotionen hoch, die sich mit jedem Titel verstärkten, ehe Kraan nach gut eineinhalb Stunden mit „Borgward“ das letzte und eines seiner bekanntesten Stücke ankündigte, das wie die meisten Songs die Dauer von zehn Minuten mühelos überschritt. Als Zugabe wurde es dann noch ein wenig länger, Kraan wanderten zurück ins Jahr 1974, um mit dem 15-minütigen Klassiker „Nam Nam“ einen tollen Abend zu beenden.

Veranstaltungsankündigung

Kraan gab’s schon mal als Trio. Allerdings bevor Kraan überhaupt Kraan hieß. Jan Fride Wolbrandt war Hellmut Hattlers Nebensitzer in der Schule und betrieb mit seinem Bruder Peter Wolbrandt im zarten Alter von zwölf Jahren bereits eine erfolgreiche Beatband. Hattler, der große Blonde, der später Bass-Geschichte schreiben sollte, war damals noch in einen rigiden, streng behüteten Haushalt eingebunden. Der plötzliche Tod seiner Eltern ließ Haltegriffe fehlen, schuf aber nach einer Weile Raum zum Komplettieren der Urzelle jener Band, die seit 1970 allen Konventionen trotzt. Im ehemaligen Büro des Hattler’schen Elternhauses wurde gejammt, ausprobiert. Und nebenbei formulierten die drei Individualisten den Ausbruch aus den vorgezeichneten bürgerlichen Lebensläufen. 1970 stieß Johannes „Alto“ Pappert zum Trio und bereits ein Jahr später definierten sich die vier Probierenden als Profis. Mit ureigener Identität, die sich auch im Bandnamen manifestiert.

Kraan heißt Kraan, weil der Band-Name „vorne hart anfängt und hinten weich aufhört“. Ersetzt man „hart“ durch „metrisch-druckvoll“ und addiert das Weiche, das Melodische, das Sinnliche, hat man den kollektiven musikalischen Fingerabdruck der Band ganz gut begriffen. Was niemand je entschlüsseln wird, ist die psychologische DNA von Kraan. Weder die zwischenzeitlich unter dem Banner Kraan agierenden Musiker Ingo Bischof, Udo Dahmen, Gerry Brown, Joo Kraus, Eef Albers und Marc McMillen noch die seit 2008 wieder als Trio agierende Dreifaltigkeit Hattler-Wolbrandt-Fride, können die Seele von Kraan adäquat erklären. Zum Glück, denn nichts ist desillusionierender als das Entmystifizieren der Chemie, die seit den Jam-Sessions im Büro stimmte – auch, wenn sie vordergründig betrachtet nie richtig stimmte. Nur ausgewiesene Kraan-Chronisten vermögen die ewigen Auflösungen aufzuzählen, die notwendig schienen, damit es danach mit wiedererstarkter Intensität weitergehen konnte.

Als Amerika in Form von Seymour Stein Interesse an der herrlich widersprüchlichen Musik von Kraan bekundete, und ein paar der sagenumwobenen, von Conny Plank produzierten Platten aus den 70er-Jahren auf dessen Passport-Label erschienen waren, rückte das „Big Time“-Business in greifbare Nähe. Aber plötzlich wollte der Drummer lieber Richtung Afghanistan abhauen, statt in dem Land zu spielen, das den Vietnam-Krieg wider besseren Wissens geführt hatte. Seymour Stein gründete damals gerade Sire Records und hätte die Band vom Gut Wintrup gerne mitgenommen, um sie zu späteren Label-Mates der Talking Heads und Madonna zu machen. Aber es sollte, wie so vieles, nicht sein. Amerika wäre gut fürs Konto und noch besser fürs teils nicht vorhandene Ego gewesen. Hätte, könnte, würde – es ging danach mit dem Album „Wiederhören“ auf derart brillantem musikalischen Niveau weiter, dass die „Scheiß egal“- Haltung der Hälfte der Band eine vorläufige Bestätigung fand. Übrigens im Jahr der Schleyer-Entführung, was eindrücklich unterstrich, dass die vormaligen Kommunarden jeglicher Politisierung mit Feinmotorik und Bauchgefühl widerstanden. Eine Tatsache, die bis heute genauso Bestand hat, wie die Unmöglichkeit des musikalischen Zuordnens von Kraan. Krautrock? Lächerlich! Kraut-Funk? Schon eher, aber immer noch viel zu beengend. Jazz-Rock? Vielleicht ein bisschen, wenngleich das „kraansche“ Augenmerk aufs Ensemblespiel den darin enthaltenen charakteristischen, solistischen Hickhack immer mit Argwohn betrachten ließ.

Das neue, insgesamt fünfte Kraan-Live-Album „The Trio Years“, wurde zwischen 2008 und 2017 aufgezeichnet. „Sicherer mit, aber schöner ohne“, lautete die Parallelenziehung des Lichttechnikers zwischen Keyboardern und Kondomen, nachdem es der Kraan-Tastenmann vorgezogen hatte, im Bett liegen zu bleiben, statt zu einem vereinbarten Festival-Gig aufzutauchen. Kraan war plötzlich wieder ein Trio, in der Besetzung der Urzelle. Zunächst unfreiwillig, aber umgehend mit der erneut gesteigerten Intensität. Aufgenommen von Thierry Miguet, stammen die neuen Live-Definitionen von Kraan-Klassikern aus unterschiedlichen Konzerten unterschiedlicher Jahre. „Ich hatte mir zig DVD’s angehört, auf die Thierry seine Mitschnitte gezogen hatte“, erinnert sich Hellmut Hattler. „Und eigentlich war ich dabei an den Punkt gekommen, dass ich 80 Prozent der meisten Stücke super fand, zu denen sich aber immer 20 Prozent Entgleisungen gesellten – typisch Kraan! Mir fehlte die Vorstellung, das Material zu einer runden Sache editieren zu können und ich hakte das Live-Projekt zunächst frustriert ab.“ Die buchstäbliche Rettung der Live-Platten-Idee übernahm schließlich der befreundete Drummer, Label- und Studio-Betreiber Jürgen Schlachter, der in minuziöser Feinarbeit jeweils Spuren verschiedener Konzerte zusammen editierte. „Während ich im Krankenhaus lag und um mein Leben kämpfte, gab Jürgen richtig Gas und schickte mir quasi täglich neue Versionen unterschiedlicher Stücke, die in der Zeit für mich wie ein Anker waren. Darunter befanden sich auch Stücke wie ‚Silver Buildings‘, von denen ich gar nicht mehr wusste, dass wir sie überhaupt live gespielt hatten“, sagt Hellmut Hattler. „Ich war komplett gerührt davon, weil sie in den vorliegenden Live-Versionen so vital klingen. Selbst die Gesänge funktionieren, was bei Kraan schon was heißen will“, spöttelt der Ulmer selbstironisch.

Für den geneigten Kraan-Fan gibt es auf „The Trio Years“ Unmengen Frisches zu entdecken. Die enthaltene 18-Minuten-Version von „Nam Nam“ straft mit der Selbstverständlichkeit der Dauererneuerung alle Anachronismus-Vermutungen lüge. „The Schuh“ aus der jüngeren Kraan-Historie lässt über die einnehmenden Möglichkeiten der Orchestrierungen in der Trio-Besetzung staunen. Im unschlagbaren Klassiker „Let It Out“ findet Peter Wolbrandt ausreichend Raum für seine Gitarren-Exkursionen, die immer ein bisschen klingen, als ob sie von einem anderen Stern stammen. Das „Wintruper Echo“ unterstreicht, wie locker Hellmut Hattler die Balance zwischen Melodie und Groove verfeinert aus den Ärmeln schüttelt. „Hallo Ja Ja, I Don’t Know“ ist ein Paradestück für Jan Fride Wolbrandts feinmotorisches, metrisches Gespür. Für den Kraan-Neuentdecker summiert „The Trio Years“ derweil, wofür die Band seit knapp fünf Jahrzehnten wie ein Leuchtturm in der Brandung steht: Free-Form-Musik von Freigeistern, die einen unverkennbar zeitlosen Sound haben, weil sie immer auf ihr kollektives Bauchgefühl hörten. Im Zeitalter der Technokratie ist „The Trio Years“ nicht zuletzt deshalb unverzichtbar.

www.hellmut-hattler.de
www.facebook.com/HELLMUT.HATTLER

28.03.2022: VOLKER WEININGER

Aus den Tiefen des rheinischen Frohsinns

Kabarettist Volker Weininger begeisterte mit seiner Persiflage auf einen alkoholisierten Sitzungspräsidenten in Lantershofen

Gleich an drei Abenden war der Bonner Kabarettist Volker Weininger im Lantershofener Winzerverein zu Gast, um dort in die Rolle eines „Sitzungspräsidenten“ aus den Tiefen des rheinischen Karnevals im weiten Kölner Umland zu schlüpfen. Vor der Kulisse eines Kölner Brauhauses hatte Weininger den gesamten Kölschen Karneval mitsamt Klüngel, Selbstdarstellung und Alkoholexzessen auf dem Kieker, die er allesamt in seiner eigenen Person darstellte.

Der „Sitzungspräsident“, der im Vorlauf seiner bevorstehenden Prinzenproklamation auf einen Kontakt mit einer verpflichteten närrischen Superband wartete, nutzte die Gelegenheit, dem Publikum gegenüber aus seinem reichhaltigen Ehrenamts-Leben zu Plaudern und tiefe Einblicke in seine Gemütslagen und seine Sicht auf den kleinen Kosmos um sich herum zu geben. Dabei zog sich der Kabarettist ein Kölsch nach dem anderen rein, wurde immer angetrunkener und immer selbstsicherer. Meinte er zumindest, während er die Rezepte des leichten Sommercocktails „Schlebuscher Schädelsprenger“ verriet und sich selbst dank seiner Kontaktfreude zum „Domian des Karnevals“ ernannte. Dass der Präsident vorurteilsfrei durchs Leben geht, wiederholte er in schöner Regelmäßigkeit, um es Sekunden später selbst zu widerlegen.

Und das mit dem Bier sah er als „unvermeidlichen Kollateralschaden der fünften Jahreszeit“ an, wie er auch für viele andere Taten seine ganz besonderen Ausreden hatte. Missgeschicke passierten auf jeden Fall nur den anderen, und nur die hatten auch ihre kleinen bis mittelgroßen Fehler. Diese kamen unweigerlich zutage, wenn man beispielsweise jeden Dienstag kegelt. Von 14 bis 23 Uhr. Mit drei Personen. Oder wenn man jeden Mittwoch bei der Vorstandssitzung ab halb acht am Morgen durchspielt, was bei der „Herrensitzung am Rosenmontag“ so alles passieren kann. Da muss der Sitzungspräsident, der auch Vorsitzender und zweiter Vorsitzender der Karnevalsgesellschaft „Raderdoller Sprittköpp von 1493“ ist, ja im Bilde sein.

Und so saß er da, wartete und sinnierte vor sich hin, während sich das Publikum in Lantershofen vor Lachen bog und Volker Weininger am Ende eines jeden Abends mit stehenden Ovationen eben diesen verabschiedete. Der Verein Kulturlant hatte für die Abende die fünf weiteren Lantershofener Vereine Musikfreunde, VfB Lantershofen, Bürgervereinigung, „Dorf in der Zeit“ und den Trägerverein des Winzervereins als Mitstreiter gewinnen können. Die Erlöse zweier Abende wollen die sechs Vereine komplett der „Vortour der Hoffnung“ für krebskranke Kinder spenden, für die an allen Abenden die Spendenbüchsen rundgingen.

Veranstaltungsankündigung

Die Spannung steigt: Nur noch wenige Stunden bis zur feierlichen Proklamation des Prinzenpaares der KG Raderdolle Spritköpp von 1493 e.V. – ohne Zweifel DAS gesellschaftliche Highlight des Jahres im Dorf. Und zum ersten Mal hat der kleine Verein weder Kosten noch Mühen gescheut, dafür eine ganz große Nummer aus dem Kölner Karneval zu verpflichten. Da darf man natürlich nichts dem Zufall überlassen und deshalb überwacht der Sitzungspräsident höchstpersönlich die letzten Vorbereitungen. Bei ein paar Stützbier sitzt er im Vereinslokal und passt auf, dass alles klappt – Karneval darf man schließlich nicht den Amateuren überlassen! Und weil der Sitzungspräsident sich selbst noch immer am liebsten reden hört, kommt er dabei schnell vom Hölzchen aufs Stöckchen. Klar, dass da kein Thema vor ihm sicher ist – eben ganz nach seinem Motto: Von nix ne Ahnung, aber zu allem ne Meinung!

Auf den Karnevalsbühnen ist Volker Weininger als „Der Sitzungspräsident“ der ungekrönte König im 0,2-Liter-Sprint. Jetzt geht er mit seinem leicht angesäuselten Alter Ego auf die Langstrecke und gönnt seiner Paraderolle mit Solo! endlich einen ganzen Abend, denn es gibt einfach viel zu viel, was noch nicht erzählt worden ist. Und wenn sich der Sitzungspräsident auf der Bühne zügig aber ohne Hast ans Kölschglas macht, dann wird ganz schnell klar: Hier steht der lebende Beweis dafür, dass man auch mit Alkohol lustig sein kann!

Seit 2012 ist Volker Weininger als „Der Sitzungspräsident“ im rheinischen Karneval unterwegs und gehört dort mittlerweile zu den gefragtesten Rednern. Er ist regelmäßiger Gast bei den großen Fernsehsitzungen. Als Kabarettist hat er seit 2009 mehrere preisgekrönte Programme auf die Bühne gebracht. Daneben arbeitet Volker Weininger auch als Autor, u.a. für die Stunksitzung.

Eine Veranstaltung der Gemeinschaft Lantershofener Vereine, deren Erlös zu 100 Prozent der Vortour der Hoffnung zugutekommt.

12.03.2022: STEFAN WAGHUBINGER

Burnout muss man sich erarbeiten

Der Österreicher Stefan Waghubinger war auf der Kabarettbühne in Lanterhofen zu Gast

Die sanft klingende Stimme, gespickt mit schwarzem Humor und einer gehörigen Portion Sarkasmus sind das Markenzeichen von Stefan Waghubinger, der mit seinem vierten Soloprogramm „Ich sag’s jetzt nur zu Ihnen“ auf Tour ist. Am Samstag war der in Österreich geborene Kabarettist, der schon lange in Stuttgart lebt, auf der Kulturlant-Bühne im Lantershofener Winzerverein zu Gast und schlüpfte dort in die Rolle des Bauunternehmers Waghubinger. Der war gerade von einer Frau verlassen worden, übrig blieben ein Strauß verwelkender Blumen, sein Monopoly-Spiel und der Golfschläger. Und obendrein noch der Mann, der die Situation so gar nicht versteht.

„Von allen meinen Bekannten war ich am meisten von der Trennung überrascht“, musste der bekennende Workaholic feststellen. Schon immer war das „Geld scheffeln“ der Lebensmittelpunkt des Unternehmers, der viel zu kleine und obendrein schäbige Mietwohnungen errichtet, um sie dann seinen Bekannten viel zu teuer zu vermieten. Und dem eines klar ist: „Ein Burnout muss man sich erarbeiten.“

Und so gewährte Waghubinger dem Publikum einen Einblick in sein Leben, das schon in jungen Jahren aus dem Ruder gelaufen sein musste. „Ich hab mir so sehr die Käpt’n Kirk Jacke gewünscht, aber wir hatten ja kein Geld. Da sagte die Mama: Wenn du brav bist, strickt dir das Christkind eine.“ Aus gelber, kratzender Schafswolle. Mit einer Mütze und zwei Antennen mit Tischtennisbällen auf dem Haupt. „Da hatten wir die Bescherung. Du fühlst dich als Raumschiffpilot und wenn Du in den Spiegel schaust, siehst du Biene Maja“, hatte die Wirklichkeit den kleinen Stefan schon früh eingeholt.

Irgendwie setzte sich die Diskrepanz zwischen falschem Anspruch und Wirklichkeit fort. Der Bauunternehmer fragt sich nun mal beim Blick in den Sternenhimmel, wie viel Laderaum der „Große Wagen“ haben mag. Und den Stern, den ihm die Frau schenkt, will er eigentlich gar nicht. „Sterne verdecken doch nur den Blick auf das Universum.“

Da denkt er viel zu gerne an die Kindheit zurück. An den Tante-Emma-Laden, wo es genau einen Joghurt in der Auswahl gab. Nicht wie heute im Supermarkt: „Wie soll man es denn im Leben zu etwas bringen, wenn man sich schon nicht für einen Joghurt entscheiden kann“, sinnierte Waghubinger und hatte für jede Lebenssituation einen Verursacher. Er dachte an die Steinzeitmenschen, die ihre Höhlen von unten bis oben bemalten, obwohl das doch Weltkulturerbe war. An die grauen Eichhörnchen, die in Europa so langsam die roten Artgenossen verdrängen: Wenn man in ein paar Jahrzehnten noch ein rotes Eichhörnchen sieht, dann ist das bestimmt eines mit Nussallergie.“

Nur gut, dass es die Arbeit gibt, die kann man doch so herrlich auf das Privatleben runterbrechen. „Wer sich anstrengt, hat auch beim Würfeln mehr Glück“, so die Devise des Mannes, der sich keine Freunde kaufen würden. „Nur leasen.“ Da kann man dann auch mal den Kölner Dom mit den eigenen geschaffenen Mietwohnungen vergleichen und feststellen: „Die Decken im Dom sind höher.“

Beim Lantershofener Publikum, dass Stefan Waghubinger lange applaudierte, bedankte sich der Kabarettist und verschenkte handsignierte CD’s. Dass danebenstehende Kästchen, in dem er Geld für Kinderbetreuung in der Ukraine sammelte, hatte sich schnell gefüllt.

Veranstaltungsankündigung

ICH SAG’S JETZT NUR ZU IHNEN

Mitten aus dem Leben, manchmal böse, aber immer irrsinnig komisch, zynisch und zugleich warmherzig. Das sind Attribute, die man mit diesem österreichischen Kabarettisten verbindet.

Er selbst sagt von sich nur, er betreibe österreichisches Jammern und Nörgeln, aber mit deutscher Gründlichkeit.

In seinem vierten Soloprogramm begegnet er Gänseblümchen, Schmetterlingen und Luftschlangen im Treppenhaus. Es entstehen Geschichten mit verblüffenden Wendungen, tieftraurig und zugleich zum Brüllen komisch. Zynisch und zugleich warmherzig, banal und zugleich erstaunlich geistreich.

Eine Erklärung zu den wirklich wichtigen Dingen, warum es so viel davon gibt und warum wir so wenig davon haben.

Die Allgemeine Zeitung Mainz schreibt zu ihm: „Federleicht und geschliffen. Es gibt nur wenige Kabarettisten, die es mit Waghubingers Formulierungskunst aufnehmen können – und es gibt nur ganz wenige Kollegen, bei denen geschliffene Texte so federleicht durch den Saal schweben“.

18.02.2022: LA SIGNORA

Ein bunter Vogel im schwarzen Geierkostüm

Aus der Musikerin La Signora ist eine Meisterin der Stand-up-Comedy gewordenen

Schon seit Jahresbeginn ist dann, wenn der Verein Kulturlant in den Lantershofener Winzerverein zu einem seiner kulturellen Abende einlädt, wieder vieles beim Alten. Zwar gibt es immer noch eine Maskenpflicht bis zum Platz mit Ausnahme des Verzehrs, am Eingang wird zudem akribisch von Verein und Rotem Kreuz der Impfstatus kontrolliert, aber Abstände, verbotene Sitzplätze oder ähnliches gibt es nicht mehr. „Wir gehören mit unserer Sitzplatzkapazität von 250 Plätzen zur Gruppe der Kleinveranstaltungen bis 2.000 Personen und setzen das um, was Politik uns erlaubt und die Vereinsmitglieder gutheißen“, sagen die beiden Vorsitzenden Marie-Luise Witsch und Udo Rehm unisono. Das sorgte im Januar noch für Skepsis beim Publikum, manch einer ließ sein Ticket verfallen, Stühle blieben leer. Inzwischen ist das nicht mehr so, auch am vergangenen Freitag kamen die meisten derer, die eine Eintrittskarte erworben hatten, um sich das Gastspiel „Allein unter Geiern“ der Oberhausener Künstlerin Carmela de Feo, die als „La Signora“ auftritt, anzuschauen.

Knapp 200 Gäste erlebten einen fulminanten Abend. Viele von ihnen sahen La Signora nicht zum ersten Mal, einige waren bereits vor viereinhalb Jahren dabei, als die zierliche Akkordeonspielerin mit italienischen Wurzeln schon einmal in Lantershofen zu Gast war. Sie durften eine unheimliche Entwicklung der Sängerin, Schauspielerin und Komödiantin mit dem Haarnetz als Markenzeichen feststellen. Die Musik hatte im Programm etwas weniger Platz eingenommen und zum Akkordeon griff sie nicht mehr allzu oft. Dafür hatte La Signora die Stand-up-Comey für sich entdeckt. Die Zuschauer besonders in den vorderen Reihen dürften schon geahnt haben, dass sie Teil des Programms sind, denn La Signora ließ das Saallicht nicht löschen. Schnell hatte sie ihre „Opfer“ ausgemacht: die Großfamilie mit Adoptivanhang, das Paar, das schon 60 Jahre zusammen war oder die jungen Frauen, die gar nicht verstanden, über was La Signora sprach, wenn sie Werbetexte aus den 1980er Jahren rezitierte. Das Gros im Saal konnte da indes mitsingen.
Irgendwie bekam zumindest in den vorderen Reihen jeder sein Fett weg: hässliche Männer, die man am karierten Hemd erkennt, Frauen, die trinken, um ihr eigenes Spiegelbild ertragen zu können. Alle Klischees schienen an dem Abend ihre Vertreter in den Lantershofener Saal entsendet zu haben. Sie erlebten keineswegs ein reines Frauenprogramm, sie alle mussten sich als Leidtragende ansprechen lassen, die sich zwei Corona-Jahre lang gehen ließen. „Ich ziehe seltsame Leute an“, stellte die Künstlerin fest, dass der Körper der Frau nicht nur aus Gehirn und Besserwisserei bestehe. Überhaupt geizte „La Signora“ nicht mit den wildesten Anspielungen gegenüber ihren Gästen. Jedoch waren diese nie verletzend, sorgten aber für großes Amüsement im Publikum. Selbst als die Kabarettistin plötzlich der Meinung war, nur noch einer Horde Verbrechern gegenüberzusitzen, deren kriminelle Energie sie bis auf die Bühne zu spüren bekam. Nur ihr konnte man nichts abnehmen, denn „der Zahnstein ist mein einziger Schmuck, mehr brauche ich nicht.“

Fast zweieinhalb Stunden jagte das Energiebündes aus dem Ruhrpott über die Bühne im Winzerverein, sprach, sang und nahm ihr Publikum auf die Schippe, ohne sich selbst dabei auszulassen. Denn auch La Signora ist irgendwie komisch, hat den Montag als Lieblingstag erkoren, weil da die Post kommt. Sie wünscht sich einen Cordrock, wie ihn jedes normale Mädchen trägt und hört gerne Schlager – die Apothekenumschau zum Hören. All das durften sich am Ende restlos begeisterte Zuschauer anhören und dankten La Signora mit stehenden Ovationen.

Veranstaltungsankündigung

Seit Jahren ist La Signora in Sachen Unterhaltung auf den morschen Brettern, die die Welt bedeuten, unterwegs. Ob auf einem toten Esel zum Erfolg oder mit einem lahmen Gaul durchs Leben, La Signora ist für jede Situation mit ihrem Friedhofsmodenchic perfekt gekleidet.

Klein, Hummeltaille und Haarnetz! Tödliche Gags pflastern ihren Weg, die Leute geiern sich einen ab, aber nach der Show kräht kein Aas mehr nach ihr. Wie allein kann man sein, wenn selbst die Geier nicht mehr über einem kreisen? Die Rabattmarke des deutschen Kabarett zeigt in ihrem neuen Programm: Allein unter Geiern, dass Schicksal durchaus Spaß machen kann.

Wenn das Leben in ruhigen Bahnen verläuft, ist La Signora zur Stelle und stellt die Weichen auf Chaos. Atheisten werden gläubig und Heilige fallen der Wollust anheim. La Signora ist eine anbetungswürdige Verführerin, aber auch eine verführte Angeberin. Wo andere sich bemühen abzunehmen, legt La Signora noch einen drauf. Justitia ist blind, aber die Schicksalsgöttin mit ihren neapolitanischen Hühneraugen hat den Durchblick.

Keine Angst, was immer das Leben für einen bereit halten mag, ob Lottogewinn oder Unfall, dank La Signora ist der Unterschied gar nicht so groß. Doch allen Geiern sollte klar sein: Um sich auf eine Henkersmahlzeit zu freuen, braucht man schon eine gute Portion Galgenhumor! Außerdem, wahre Schönheit kommt von innen! Und wenn nicht, dann setzt man sich eben allein unter Geiern ein Haarnetz auf!

La Signora – Nie eingeladen, aber überall dabei.

05.02.2022: YOUNG SCOTS TRAD AWARDS WINNER TOUR

Pub-Musik und traurige Balladen

Hochdekorierte Nachwuchsmusiker traditioneller schottischer Musik trafen sich in Lantershofen

Beim Grafschafter Verein Kulturlant ging es am vergangenen Samstag britisch zu. Auf der Bühne zu erleben waren schottische Nachwuchsmusiker, und zwar die besten des Landes. Die, die alljährlich die Preise in den großen Nachwuchsfestivals, unter anderem der Scottish BBC abräumen, werden einmal im Jahr zu einer Konzertreise quer durch Deutschland eingeladen. Die Bühne im kleinen Lantershofen gehört dabei zu den bestbesuchten Konzertorten. Das war in diesem Jahr nicht anders. Hatte der gastgebende Verein Kulturlant in den vergangenen Wochen noch feststellen müssen, dass zahlreiche Besucher aus Respekt vor dem Corona-Virus lieber zuhause blieben und ihre Tickets verfallen ließen, war der Saal des örtlichen Winzervereins am Samstag proppenvoll und mit 250 Besuchern ausverkauft. Die „Young Scots Trad Awards Winner Tour“ ist auf der Grafschaft längst zu einem Selbstläufer geworden, bei dem Initiatorin Petra Eisenburger und Gitarrist Luc McNally, der die Tour seit vier Jahren begleitet, die Singer/Songwriterin und Pianistin Beth Malcolm, Akkordeon-Spieler Andrew Waite und Ali Levack mit einer Vielzahl von Flöten und dem traditionellen Dudelsack begrüßten.

Dabei stellten sich die vier Musiker im ersten Teil des Programms individuell mit ihrer Musik vor. Schon da wurde klar, dass es beileibe kein Abend mit ausschließlich ausschweifender Pub-Musik werden sollte. Andrew Waite als erster Musiker auf der Bühne stimmte auf seinem Akkordeon bereits sanfte Töne an, die die Ruhe der schottischen Landschaft vermittelten und eine entspannte Atmosphäre verbreiteten. Waite, der bereits im Alter von 15 Jahren seinen ersten Plattenvertrag erhielt, ließ seine tiefe Verwurzlung zur schottischen, irischen und englischen Traditions-Musik vom ersten Ton an durchblicken.

Auch Beth Malcolm entpuppte sich als Freundin der leisen Töne, präsentierte zunächst Songs, die sich mit ihrer Heimat rund um das Städtchen Perth im Südosten Schottlands beschäftigten, wie die Ballade „Leavin‘ Loch Leven. Dagegen liebt Flötist und Dudelsackspieler Ali Levack eher die schnelle und fröhliche Musik. „The Road to Recovery“ oder „Birdspotting“ lockten das Publikum schnell aus der Reserve. Im zweiten Teil des Konzerts teilten sich die vier Musiker die Bühne, musizierten mal gemeinsam, mal ohne Sängerin Beth Malcolm. Dabei ging es vor allen Dingen dann, wenn die drei Männer alleine zu ihren Instrumenten griffen, rund. Vor allem Ali Levack bewies, dass er als einer der führenden Instrumentalisten in der traditionellen Musikszene gilt. Mit dem Trio rückte auch die Pub-Stimmung in den Vordergrund, Songs wie „Big Country“ vom Komponisten Bela Fleck stehen für die traditionelle Musik an den Bars in den Highlands. „Nur wenn ich auf die Bühne komme, wird die Musik traurig“ merkte Beth Malcolm unterdessen an. Ihre Balladen gingen auch dank ihrer kräftigen und recht tiefen Stimme unter die Haut. Sie sei in der Runde der Männer die Mutter, die oftmals die Party beenden müsse“, meinte sich scherzhaft, erntete aber ebenso, wie ihre ausgezeichneten Mitstreiter, am Ende lange Applaus und stehende Ovationen.

Tour Leiterin Petra Eisenburger sammelte derweil am CD-Stand Spenden für Flutopfer, wie sie es während der gesamten Tour macht. Hier trafen sich Publikum und Musiker nach der Show noch auf ein irisches Guinness oder einen von Flutopfer Thorsten Rech aus Mayschoß präsentierten Whisky aus einer großen Auswahl.

Veranstaltungsankündigung

Young Scots Trad Awards Winner Tour 2022 – junge Schottinnen und Schotten brillieren mit frischem Scottish Folk!

Pipes & Drums – für viele besteht schottische Folkmusik aus der Marschmusik der Clans. Doch die Folkmusik Schottlands ist weitaus vielfältiger. Sie ist Ausdruck der gälischen Kultur und umfasst auch Tanzmusik und gefühlvolle Balladen in Gälisch, gespielt mit Harfen, Flöten, Geigen sowie Akkordeons und Gitarren; sogar Cellos kommen hin und wieder zum Einsatz. Der „Scottish Folk“ wird als lebendige Tradition weiterhin praktiziert, besonders von der jungen Generation, die bei sogenannten Trad-Discos den Folk in Partymusik verwandelt und die Nacht durchtanzt… Die Szene ist überaus aktiv, lebt weiter in zahlreichen Festivals, regionalen Folkmusik-Clubs und in den Bildungsinstitutionen, die die gälische Kultur am Leben halten. Und natürlich gibt es jährliche Wettwerbe, in denen sich die virtuosesten Nachwuchsmusiker der schottischen Szene messen können, so etwa beim „Young Traditional Musician of the Year Award“ von BBC Radio Scotland. Die Young Scots Trad Awards Winner Tour hat Concert Connections in 2018 ins Leben gerufen, um jedes Jahr einige dieser virtuosen MusikerInnen für ein jährliches Event nach Deutschland zu holen – in 2022 bereits zum fünften Mal in Folge. Dann werden im Februar Ali Levack (Dudelsack & Whistles), Beth Malcolm (Gesang & Piano), Andrew Waite (Akkordeon) mit Luc McNally als Begleitgitarrist ihre Virtuosität zunächst solo unter Beweis stellen, bevor sie im zweiten Programmteil mit ihrem Publikum eine ausgelassene Session feiern – pure schottische Lebensfreude!

29.01.2022: ANNES KAMPF

Schauspieler Thomas Linkes schwierigste Rolle

Auf der Kulturlant-Bühne wurden „Das Tagebuch der Anne Frank“ und Hitler’s „Mein Kampf“ gegenübergestellt

Das hatte so gar nichts mit der Leichtigkeit von Konzerten oder Kabarett zu tun, wie man sie in Lantershofen erleben kann: auf der Bühne im dortigen Winzerverein bot der Verein „Kulturlant“ am vergangenen Samstag „Anne’s Kampf.“ Bei dieser Gegenüberstellung der Werke „Das Tagebuch der Anne Frank“ und Hitler’s „Mein Kampf“ feierte Schauspieler Thomas Linke seine Premiere in der Rolle des Adolf Hitler. „Ich bin seit 35 Jahren Schauspieler, aber das hier ist meine bisher schwierigste Rolle“, sagte Linke nach dem Bühnenstück, dass sich knapp 70 Menschen anschauten. Nach der Veranstaltung diskutierten sie noch lange im Saal und später im Foyer mit den Schauspielern über die Wichtigkeit des Stücks in der heutigen Zeit, 77 Jahre nach dem Tod von Anne Frank, die wie ihre Schwester im Konzentrationslager Bergen-Belsen an Typhus starb. Erst in den vergangenen Tagen hatte es neue Hinweise auf den Verrat der beiden in einem Amsterdamer Hinterhaus versteckten jüdischen Familien gegeben, die dort von 1942 an lebten. Hier entstand besagtes Tagebuch, dass es zur Weltliteratur wurde.

Dass das Bühnenstück „Anne’s Kampf“ ins Leben gerufen wurde, liegt knapp sechs Jahre zurück. Schauspielerin Marianne Blum, die nicht nur die Texte aus dem Tagebuch, sondern auch zahlreiche Musikstücke vortrug, besetzt diese Rolle von Beginn an. Sie hatte das Stück gemeinsam mit Guido Rohm konzeptioniert und geschrieben. Blum berichtete dem Publikum im Anschluss an die Aufführung vom Jahr 2016, als das Münchener Institut für Zeitgeschichte seine in drei Jahren erarbeitete kommentierte Neuauflage von „Mein Kampf“ vorstellte. Das Werk schaffte es bis in die Bestsellerlisten. „Wie kann das sein, wer kauft so etwas“, hatte Blum sich seinerzeit äußerst irritiert gezeigt. Als dann die AfD im Jahr 2017 in den Bundestag einzog, war dies ein weiterer Grund, „Anne’s Kampf“ zu spielen.

Seit dieser Zeit tourt die Produktion durch Deutschland, ist in Schulen und Theatern gleichermaßen präsent. Dabei sorgte Thomas Linke in der Rolle des Hitlers für so manches Schaudern im Publikum, als er aus der politisch-ideologische Programmschrift mit einem immer ausgedehnteren Judenhass vortrug. Marianne Blum las derweil aus dem Tagebuch und zeigte dabei deutlich die Entwicklung der unbekümmerten 13-jährigen Anne Frank hin zur immer nachdenklicheren Jugendlichen auf. Immer wieder wurde die Lesung musikalisch untermalt. Nicht mit der Musik, die im Hause Frank gehört wurde, sondern mit den unterschiedlichsten Liedern, die in der Zeit des Nationalsozialismus Rollen spielten. Da waren jiddische Texte, wie „Es hot unds dos Leben gerufen“ oder „Schpil-she mir a Lidele in Jiddisch“ zu hören. Lieder, die in Ghettos und Konzentrationslagern entstanden, die „Die Moorsoldaten“ fehlten nicht. Die seinerzeit große Zarah Leander mit ihrem „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen“ und dem „Davon geht die Welt nicht unter“, fehlte ebenfalls nicht. Sie war eine der Stars in der NS-Zeit und bewahrte ihre jüdischen Texter und Komponisten Bruno Balz und Michael Jary, die ihr einen Hit nach dem anderen schrieben, vor der NS-Verfolgung. Balz hatte beide Lieder in den ersten 24 Stunden, nachdem ihn Zarah Leander aus den Fängen der Nationalsozialisten befreit hatte, geschrieben. Schließlich kam sogar Richard Wagners „Nothung“ aus dem Nibelungenlied zu Gehör. Hitler war ein großer Fan Wagners, dessen Musik heute noch nicht in Israel gespielt wird.

Veranstaltungsankündigung

Annes Kampf
Anne Frank vs. Adolf Hitler

Adolf Hitler wusste von Anne Frank nichts, sie von ihm sehr wohl.

Hitlers „Kampf“ ist es, der die Geschichte der Anne Frank zeugt und beendet. Ende Februar, Anfang März 1945 stirbt sie im KZ Bergen-Belsen. Geblieben ist ihr Tagebuch. An diesem Abend erleben Sie, wie die beiden Texte in einer scharf geschnittenen Lesung  aufeinanderprallen. Grauen und Hoffnung, Bestie und junges Mädchen. Geschichte, die Geschichte mit höhnischem Gelächter erzeugt.

In einer Zeit, in der die Rechten wiedererstarken, ist es wichtig, den Kampf des kleinen Tagebuchs gegen den großen Diktator aufzuzeigen, um so einmal mehr ein Gespür und Gehör für die Feinheiten von Geschichte zu entwickeln. Denn Geschichte besteht immer aus Geschichten.  Und Geschichten bestehen aus Schicksalen.

Das Berliner Künstlerduo BLUM & HECKMANN, bestehend aus der Kabarettistin und Sängerin Marianne Blum und dem Schauspieler Stefan Heckmann garantiert einen Abend, der bei aller Schwere des Sujets nicht nur lehrreich, sondern auch unterhaltsam ist, so wie auch Anne Franks Text nicht nur traurig, sondern auch leidenschaftlich und humorvoll und Hitlers Machwerk nicht nur beängstigend, sondern stellenweise geradezu unfreiwillig komisch ist. Mit Respekt und Feingefühl nähern sich die beiden Künstler den Büchern und präsentieren sie so gekonnt und packend, dass dem Zuschauer die historische Realität lebendig wird.

Die Lesung wird musikalisch durch authentische jiddische Lieder, deutsche Schlager, Gassenhauer und Durchhaltelieder aus der Zeit ergänzt, die von MARIANNE BLUM live gesungen werden. Das ist lebenspraller Geschichtsunterricht!

28.01.2022: THE LORDS

Für Rock’n’Roll gibt es keine Altersgrenze

Mit den „Lords“ spielte die „dienstälteste Rockband der Welt“ in Lantershofen. „Lord Leo“ war schon 1959 dabei.

Musiker kennen keine Altersgrenze, das gilt für beinahe jedes Genre. Bekanntestes Beispiel sind sicherlich die Rolling Stones. In Deutschland haben sich „The Lords“ schon vor langer Zeit das Prädikat „dienstälteste Rockband der Welt“ auf die Fahnen geschrieben. Vergangenen Freitag trat die einst als deutsche Antwort auf die Beatles titulierte Band nach langer Corona-Pause wieder einmal auf. In Lantershofen zeigte sich dabei, dass auch viele ihrer Fans mit den Lords gealtert und den Rock’n’Rollern treu geblieben sind.

Auf der Bühne im örtlichen Winzerverein war auch einer der allerersten Lords dabei. Leo Lietz, genannt „Lord Leo“, greift bei seiner E-Gitarre auch mit 78 Jahren noch in die Saiten und ruft dem Publikum zu: „Wir können Musik nur laut.“ Ob es zu laut sei, fragte er nicht. Brauchte er auch nicht, schaute er doch ausschließlich in glückliche Gesichter.

Lietz war schon im Jahr 1959 Mitbegründer der „Skiffle Lords“, aus den später die Lords wurden. Basis war schon vorher eine Schülerband, wie bei vielen großen Musikgruppen. „Bei den Skiffle Lords hab ich noch Banjo gespielt“, erzählte Lord Leo im Gespräch mit dem General-Anzeiger gleich nach dem Lantershofener Konzert. Da wirkte er erstaunlich fit, berichtete aber dennoch, dass ein solcher Auftritt, der immerhin über mehr als eineinhalb Stunden lief, der Band schon zusetze: „Man wird älter und ein Konzert haut schon rein.“ Aber ans Aufhören denken Lietz und die anderen Bandmitglieder noch lange nicht. „Denn es macht ja Spaß, die Lust ist da und wir haben schließlich nie etwas anderes gemacht“, so der Ur-Lord. Wie ein Leben ohne Musik aussieht, hat die Band in den beiden vergangenen Jahren erfahren. Das letzte Konzert vor dem Lantershofener Gig spielte man im Juli vergangenen Jahres. „Wir haben uns zwar regelmäßig zum Proben getroffen, aber das Gefühl des Live-Spielens vor Publikum doch sehr vermisst“, machte Lietz klar, dass man sich ein Leben ohne Musik gar nicht vorstellen kann. Dabei komme es gar nicht darauf an, ob man vor Tausenden von Menschen spiele oder vor gut 200, wie im Lantershofener Winzerverein.

Hier blieben einige Stühle leer, wohl aus Angst vor Corona waren nicht alle Ticketinhaber gekommen. „Die haben was versäumt“, sagte Leo Lietz. Und Drummer Philippe Seminara, der seit dem Jahr 1998 ein Lord ist, ergänzte: „Die Saalgröße hat absolut keine Bedeutung, das Publikum war super, die Resonanz toll. Und man hat hier eine ganz andere Nähe zu den Fans.“ Natürlich erinnere er sich gerne an die großen Konzerte, ergänzte Lord Leo. Vor allem an die außergewöhnlichen Auftritte, waren die Lords doch die erste Band aus dem Westen, die während des Kalten Kriegs hinter dem Eisernen Vorhang spielen durften: „Wir waren zu einem Festival nach Polen eingeladen, haben vor 25.000 Menschen dort einen mit dem Festival verbundenen Wettstreit gewonnen und sind danach durch das ganze Land getourt.“

Das ist mehr als 50 Jahre her, auf der Bühne erinnerten die Songs der Lords dann aber wieder an die mittlerweile 62-jährige Bandgeschichte, die allerdings Anfang der 1970er Jahre nach dem Tod von Ulli Günther, dem Kopf der Band, für ein halbes Jahrzehnt unterbrochen wurde. 1976 kam man dann wieder zusammen, spielte in unterschiedlichen Besetzungen. Die letzte Änderung gab es vor zwei Jahren, als Sänger Bernd Zamulo nach 55-jährigem Lords-Engagement verkündete, der Akku sei leer. Zamulo stieg aus, seinen Platz als Bassist und Sänger nahm Roger Schüller ein, der sich als optimale Besetzung entpuppte. Als Schüller im Jahr 1964 das Licht der Welt erblickte, waren die Lords schon fünf Jahre auf den Bühnen im Land unterwegs.

Nie gewechselt hat die Position des Gitarristen, der hieß immer Leo Lietz. Wie sich der 78-jährige fit hält, verriet er: „Man muss schon ein wenig aufpassen, der Körper zeigt einem sonst die Gelbe Karte.“ Der Alltag bestehe daher bei ihm und den anderen Bandmitgliedern aus Spaziergängen, ein wenig Sport und Musik. Und damit langte es allemal, das Publikum im Lantershofener Winzerverein zu begeistern. Da hielt es kaum jemanden lange auf den Stühlen, vor allem die alten Gassenhauer, wie „Shakin‘ All Over“, „Greensleeves“ oder „Glory Land“ zeigte, wie textsicher die Lords-Fans auch heute noch sind. Und dann war da noch der größte Hit. „Poor Boy“ wurde von der Band in epischer Breite dargeboten und vom Saal frenetisch gefeiert. Text und Musik stammen übrigens aus der Feder von Leo Lietz, im Jahr 1965 komponierte er den Song.

Veranstaltungsankündigung

The Lords – Jetzt erst recht!

Wer auf die 60 zugeht, neigt bisweilen zu nostalgischen Anwandlungen. Nicht so The Lords, in den 1960er Jahren die Beatband Nr.1 in Deutschland, heute eine authentische und musikalisch anspruchsvolle Rockband mit nach wie vor großer Fangemeinde. Spätestens mit der Veröffentlichung des Albums „Now More Than Ever!“ im Jahre 2015 haben The Lords eine sehr individuelle musikalische Botschaft verbreitet: „Es gibt ein Leben danach!“ Ein Leben nach der jahrzehntelangen Reminiszenz an die guten alten Zeiten, das nostalgische Erinnern an Skiffle, Star Club, Beat Club und den Übervater Ulli Günther. Und den viel zitierten „Mantel der Geschichte“ geben die Musiker heute vor ihren Konzerten an der Garderobe ab. Die dienstälteste Rockband der Welt hat die Reset-Taste gedrückt! Das musikalische Repertoire der Band hat nie zur Disposition gestanden. Ohne Titel wie „Shakin‘ All Over“, „Greensleeves“, „Gloryland“ oder „Fire“ wären Gigs der Band nicht denkbar und auf „Poor Boy“ könnten sie wohl erst dann verzichten, würden die Rolling Stones ihrem Publikum „Satisfaction“ vorenthalten. Gleichwohl sind die traditionellen Songs heute ein Programmbestandteil, nicht aber alleinige Basis der Konzerte. Neue Songs wie “Everytime I Fall”, “If You Ain’t Got Love” oder “What Are We Waiting For” begeistern das Publikum.

The Lords: Sie sind nicht wieder da. Sie sind immer noch da. Und sie sind neu da!

The Lords, das sind:
Leo Lietz: Gitarre und Gesang
Bernd Zamulo: Bass und Gesang
Jupp Bauer: Gitarre und Gesang
Philippe Seminara: Schlagzeug