13.12.2019: ROLF MILLER

Die ganze Wahrheit in halben Sätzen

Kabarettist Rolf Miller warf im Winzerverein Lantershofen einiges durcheinander

Kabarett zum Mitdenken lieferte Rolf Miller, der bereits im Jahr 2006 den Deutschen Kabarettpreis erhielt, bei Kulturlant in Lantershofen. Miller unterstrich vor ausverkauftem Haus, dass er nicht ohne Grund als der „konsequenteste Minimalist auf deutschen Kabarettbühnen“ bezeichnet wird. 90 Showminuten im Sitzen, auf der Bühne nur ein Stuhl, daneben eine Wasserflasche. Das wars. Minimalistisch darf man auch seine Sprüche bezeichnen, denn oftmals fehlte das Ende des Satzes. Mitdenken war nun einmal angesagt. Klar, er beendete auch Sätze, oftmals verhedderte sich dann aber auch ein wenig. „Man darf nicht immer alles glauben, was man denkt“, so die Devise. Die Protagonisten in seinem Programm „Obacht Miller“ waren nicht neu: die Brüder Achim und Jürgen im Mittelpunkt. Dazu gesellte sich die entfernte Verwandtschaft: „Vonkel“, der gleichzeitig Vater und Onkel, oder Cousine „Brummer“, die als Kind mal etwas dicker war, mit ihrer kiffenden Tochter und deren Studentenfreund im Liegerad. „Ich dacht erst, der wär halsabwärts…, dabei ist er halsaufwärts… Studiert wahrscheinlich Yoga.“ Und dann noch „Mongo“, aus dem nie was werden konnte und der heute Anwalt ist.

Sie alle erklärten äußerst hintersinnig ihre Welt in einer Mischung aus Familienkaffee und Thekenweisheiten. Gern im Mittelpunkt des Geschehens: der Sport mit seinen Vorbildern von einst. Miller sprach von einem Jan Ulrich: „Der kämpft gegen das Überleben“ oder dem Mannschaftsarzt von Boris Becker, Doktor Müller-Wallfahrt. Oder wie hieß der noch? Auf alle Fälle verschreibt der nur Globuli. „Die Kügelchen waren früher in den Tintenpatronen im Füller.“ Da muss man auch erst einmal draufkommen.

Aktuelle Themen auf die eigene Welt runterbrechen, auch da ist Miller Fachmann. „Klima? War doch immer. Wenn ich im März nicht mehr Schnee schippen muss, ich kann es verkraften.“ Und ganz wichtig: „Wenn Holland absäuft, sind wir schon im Halbfinale.“ Die große Politik ist dagegen nicht sein Ding. „20 Uhr Tages-Ding, guck ich nicht. Da kommen immer die gleichen: Johnston, Erdo-Ding und Macron – Two an a half man.“ Und Friedrich Merz kennt er schließlich noch in schwarz-weiß. Merkel hat er dagegen abgeschrieben. Die hat in ihrer langen Zeit eh nur zwei Dinge gemacht: „Atom und Asyl. Die kam nur bis zum A.“ Irgendwie war niemand vor Miller sicher, alle passten ins Schema von ihm und der Verwandtschaft: Lindenberg als Neffe von Lagerfeld, Gottschalk als einziger Doppelgänger von Siegfried und Roy und Opa, der kein Nazi war, sondern ein Mitläufer. Ein überzeugter Mitläufer.

Das Publikum im Lantershofener Winzerverein hatte jedenfalls dauerhaft viel zu Lachen, zumal Miller von einer Pointe in die andere fiel. Da gingen manch Weisheit und mancher Spruch buchstäblich über Bord, wenn der Odenwälder ausholte und klarmachte: „Eltern haften an ihren Kindern“ oder „Das Ziel ist im Weg.“ Dass es am Ende lange Ovationen für „Obacht Miller“ gab, war mehr als verständlich.

Veranstaltungsankündigung

„OBACHT MILLER“ – Se return of se normal one

Hier der ausländerfeindliche Syrer, da der vegane Jäger, dort Achim, Jürgen und Rolf, wie immer zu viert im Sixpack, all inclusive. Alles scheint wie immer, und bleibt genauso anders. Die Zeiten ändern sich, Miller bleibt – trocken wie eh und je, in seiner unnachahmlichen Selbstgefälligkeit. „Me, myself and I“ – wo ist das Problem, ich bin mir genug – aber damit reicht es jetzt endlich noch lange nicht: OBACHT MILLER – das neue Programm von Rolf Miller.

Das Halbsatz-Phänomen zeigt uns erneut, dass wir nicht alles glauben dürfen, was wir denken…. „Ball flach halten, kein Problem…ganz ruhig“, „alles schlimmer äh… wie sich‘s anhört…“ wie immer weiß Miller nicht, was er sagt, und meint es genauso, denn wenn gesicherte Ahnungen in spritzwasserdichte Tatsachen münden, wer erliegt da nicht Millers Charme. Eben. Und das Ganze auch noch besser wie in echt, als ob Gerhard Polt im Audi A6 neben ihm sitzt.

Rolf Millers Figur kann einfach nicht anders: garantiert oft erreicht und nie kopiert. Und bleibt dabei einzigartig wie sie ist, versprochen. – Keine Sorge. Er verspricht uns ein Chaos der verqueren Pointen, mal ums Eck, mal gerade, mit und ohne Dings, lehnen Sie sich einfach zurück, entspannen Sie in ihrem Kampfanzug, und atmen Sie locker aus der Hose – in die Tüte.

Und der Satiriker lässt wie immer nichts aus: die Notwendigkeit eines Atomkrieges, das unerlässliche Selfie beim Autobahngaffen, „äh, jaaaa, wieso denn nicht?“ – oder Jogis Jungs nach der Putin-WM. Und natürlich wie immer die „fleischfressende Freisprechanlage“ (so nennt Achim vorsichtig Millers Ex). Sie: „Und was ist wenn ich morgen sterbe?“ Er: „Freitag.“ Dabei fährt er weiter Cabrio durch die Welt, überzeugt im Diesel, denn Diesel ist Lebensgefühl.

Trefflicher als ein Fan auf Facebook: „Was für ein sinnfreies Gestammel, krank, genial“ kann man es nicht formulieren. Millers Humor geht nach wie vor von hinten durch die Brust, nach dem Prinzip des großen Philosophen Bobby Robbson: „Wir haben den Gegner nicht unterschätzt, wie haben nur nicht geglaubt, dass er so gut ist.“

Mit „OBACHT MILLER“ gelingt es Miller im vierten Programm seiner namenlosen Figur einen endlich einen Namen zu geben. Sie haben dafür freie Auswahl, denn Sie kennen garantiert in ihrem Umfeld einen solchen Freelancer der Ignoranz, und da hilft dann halt wieder nur ein ironisches: eiwanfrei.

www.rolfmiller.de