06.05.2018: MATTHIAS NINGEL

Auf der Bühne will der Ningel flügge werden

Mit Matthias Ningel war einer der begehrtesten Nachwuchs-Kabarettisten in Lantershofen

Kann man bei einem Musik-Kabarettisten, der binnen weniger Jahre bereits zehn hochwertige Kabarett- und Musikpreise abholen durfte, überhaupt noch von Nachwuchs reden? Die Antwort ist ein klares „Vielleicht.“ Jedenfalls bei Matthias Ningel. Der wurde gerade 30 Jahre alt, steht schon knapp die Hälfte seines jungen Lebens auf der Bühne und macht dies seit einigen Jahren professionell. Dafür schmiss der im kleinen Eifelort Hambuch geborene Nigel einen gar nicht so schlechten Job: an der Mainzer Musikhochschule unterrichtete er die Fächer Musiktheorie und Gehörbildung.

Für den Begriff „Nachwuchskünstler“ steht auf jeden Fall der Inhalt seines zweiten Soloprogramms. In „Jugenddämmerung“ berichtet Ningel vom Abschied von besagter Jugend, dem Rauskomplimentieren aus elterlicher Umgebung, der verpassten großen Liebe und all dem, was das Erwachsenwerden sonst noch mit sich bringt. Dabei lief Ningel jedes Mal zu großer Form auf, wenn er sich an den Flügel setzte. Und das tat er am Samstagabend auf der Kulturlant-Bühne in Lantershofen unentwegt. Der junge Mann mit Old-School-Handy, der nur die Eltern-App kennt und bei der eigenen Großmutter den „Enkeltrick“ versuchte, muss „endlich in die Pötte kommen“, wie er es ausdrückte. Aber wie soll das gehen, bei einem Menschen der „Generation Y-ohweiwei“? Diese Jugend ist doch gar nicht in der Lage, Entscheidungen zu treffen. „Ist jemand meines Alters hier“, fragte Ningel. Ja, einer. „Gratulation, Du hast tatsächlich eine Entscheidung getroffen, nämlich hierher zu kommen“, frohlockte der Lockenkopf auf der Bühne. Warum ist die „Generation Y“ so entscheidungsschwach? Klarer Fall für Ningel, die Fernsehserien der 1990er-Jahre sind schuld.

Da hatte er es sich noch leicht gemacht. Aber was haben die Gleichaltrigen aus seiner Umgebung vollbracht? Ningel nahm sie alle unter die Lupe und aufs Korn. Karl-Leonhard, den mit acht Jahren schon sadistisch ausgeprägten Spielplatz-Schurken. Oder Rolf, das Feindbild, wollte der doch der geliebten Ilona an die Wäsche und führt heute ein „Hyper-Hyper-Leben“, bei dem der Samstag der Qualitäts-Tag in Sachen Familienleben ist. Jedenfalls für eine halbe Stunde zwischen zwei Terminen. Und immer wieder Ilona, für die er zum 18. Geburtstag sogar ein Lied geschrieben, es aber nie vorgesungen hat. Stattdessen schenkte er ihr lieber einen Tankgutschein und bekam prompt die Quittung dafür. Den Song bekam immerhin das Lantershofener Publikum zu hören, und da hieß es zwangsgereimt: „Ilona – wär ich ein Drucker, wärst Du Toner.“ War er aber nicht und der Papierstau ließ grüßen. Der Song erfüllte nach Ningels Aussagen übrigens die Merkmale eines Schlagers, unter anderem wegen des „zwiefachen (Andy) Borg“ in der Melodie, die beim Schlagerfan unwillkürlich zu silbereisener Hühnerhaut führt. Ein kleiner Exkurs in Ningels alten Job.

Aber irgendwie schaffte es Matthias Ningel in seinem Programm nicht, der Jugend zu entfliehen, da trug er doch lieber immer mal wieder den zerfledderten beigefarbenen und viel zu großen Pullover, für den sich seine Freunde fremdschämen, der aber das junge Ningel‘sche Leben in all seinen Facetten miterlebte. Oder aber er setzte zur Hymne auf die Eifel an, ein Hohelied, mit dem er den meisten im Saal auf der Seele sang: „An jedem Haus ein Garten und in jedem Garten ein Trampolin.“ Da brauchte Ningel gar nicht erst lange nach dem Selbstverständnis der Besucher zu fragen: „Grafschafter Land-Ei oder urbaner Szenemensch?“ Der Ausmarsch in die große, weite Welt, bringt sowieso nichts, auch nicht für befristete Zeiten. So jedenfalls war in Ningels Zugabe zu hören, in der er über „Traurige Touristen“ sang.

 

Veranstaltungsankündigung

Nachdem Matthias Ningel mit seinem ersten Programm Omegamännchen über sieben (nämlich acht!) Kleinkunstpreise erntete und deutschlandweit konzertierte, scheint er seine künstlerische Reifeprüfung erfolgreich bestanden zu haben. Heißt das, er ist jetzt endlich erwachsen? Ist da ein Küken flügge geworden? Wohl kaum! Als junger Milder seiner Generation vermeidet er es weiterhin sich den Herausforderungen des Lebens zu stellen. Mit Gesang, Klavierspiel und Wortbeiträgen widmet sich Matthias Ningel in seinem zweiten Programm Jugenddämmerung den Schwierigkeiten des  rwachsenwerdens. Humorvoll und nachdenklich seziert er spielerisch sich selbst, sowie die ominöse Generation Y, analysiert deren Eigenschaften, Ängste, Spleens und Sehnsüchte. Da entlarvt er eine Perspektivlosigkeit aufgrund zu vieler Möglichkeiten, entdeckt die Hintergründe multipler Medienabhängigkeit und vermutet eine tiefe Sehnsucht nach dem Klinkerhaus auf dem Land. Er schildert die Vorteile und Probleme von Fernbeziehungen und diagnostiziert den Artgenossen eine aus dem Gleichgewicht geratene Work-Life-Balance.

Der süße Vogel Jugend beabsichtigt das Nest zu verlassen. Wird ihm dieser Flugversuch auch gelingen? Ist er überhaupt windelfrei? Unter beherzten Flügelschlägen entstehen hinreißende Abgesänge auf die Zeit im Hotel Sorglos. Ein Musikkabarettprogramm für alle Generationen.

Auszeichnungen:
Deutscher Meister Kabarettbundesliga 2016 (Erster Platz)
Leedermokker Wettbewerb Mainz 2015 (Erster Platz)
Goldener Rottweiler 2014 (Publikumspreis)
Emmendinger Kleinkunstpreis 2014 (Jurypreis + Publikumspreis)
Troubadour 2014 (Jurypreis + Publikumspreis)
Nightwash Talent Award 2014 (Zweiter Platz)
Melsunger Kabarettwettbewerb 2014 (Nachwuchspreis)
Kabarett Kaktus 2014 (Erster Platz)
Online-Voting-Gewinner beim Jugend kulturell Förderpreis 2014 „Kabarett & Co“

Link: www.matthiasningel.de

Keine Informationen unter:
#comingofagekabarett, #qualitytime*

* Nicht jedem Hype muss man gerecht werden. Hashtags existieren in diesem Programm lediglich als musikalische Versetzungszeichen, denn (und das ist die gute Nachricht!) der Künstler ist am Klavier auch mit den schwarzen Tasten vertraut.